Japanische Rollgemälde

Kakejiku

Bei einem Kakejiku (掛物 - „hängende Sache“), auch bekannt als Kakemono (掛軸 - „aufgehängte Rolle“), handelt es sich um ein japanisches Rollbild – eine traditionelle Präsentationsform der japanischen Malerei. Das mit Tusche auf Seide oder Papier gemalte Gemälde bzw. die Kalligrafie wird dabei in Stoffkanten aus Seide oder Papier eingefasst und die Rückseite mit flexiblem Papier verstärkt, um das Zusammenrollen zu ermöglichen. 

Wie ist ein japanisches Rollbild aufgebaut?

Das Gemälde, Honshi (本紙) genannt, bildet das Herzstück eines japanischen Rollbilds. Oberhalb und unterhalb davon befinden sich oft sogenannte Ichimonji (一文字) – schmale, besonders verzierte, meist goldfarbene Streifen aus Seidenbrokat. Die Umrandung bildet der Chumawashi (中廻し) – ein Rahmen, der ebenfalls aus Seidenbrokat oder in manchen Füllen auch aus Papier besteht. Hier sind häufig kunstvolle Blumen- und Bergmuster anzutreffen, manchmal auch kunstvolle geometrische Figuren. 

Der oberhalb des Chumawashi befindliche Teil nennt sich Ten (天 - „Himmel“), der darunter liegende Chi (地 - „Erde“). Beide unterscheiden sich meist farblich und im Muster vom Innenteil. Der Ten wird häufig durch sogenannte Futai (風帯) geschmückt. Es handelt sich dabei um zwei schmale Streifen aus Seidenbrokat, die beim Zusammenrollen des Kakejiku zum Hassou hin gefaltet werden. 

Der Hassou (八双), ein halbrunder Holzstab, bildet den oberen Abschluss der Bildrolle. Das untere Gegenstück dazu ist der Jikugi (軸木), ein im Durchmesser deutlich dickerer runder Holzstab, an dessen Enden sich die über die eigentliche Kakemono-Breite herausragenden Jikusaki (軸先) befinden. Das Material der Jikusaki kann sehr unterschiedlich sein, am häufigsten sind aber Elfenbein, Rosenholz, Knochen, Bambus, Metall, Keramik und neuerdings auch Plastik anzutreffen.

Im Gegensatz zum Makimono (巻物 - „gerollte Sache“) hat ein Kakejiku stets Hochformat und ist dazu gedacht, an einer Wand präsentiert zu werden. Der Ten ist in den meisten Fällen höher als der Chi-Teil. Das ist der Tradition geschuldet, ein japanisches Rollgemälde im Seiza (正座), bei uns bekannt als Fersensitz, zu betrachten. Diese Tradition haben sich die Japaner bis in die heutige Zeit bewahrt.

Japanische Rollbilder – eine jahrhundertealte Tradition

Kakejiku wurden in der Heian-Zeit (794-1185) von buddhistischen Missionaren aus China nach Japan gebracht. Die gerollte Form wurde zunächst zum einfacheren und sichereren Transport eingesetzt und hat sich erst später als Kunst etabliert. Meist war auf den Bildrollen buddhistische Malerei vorzufinden, aber auch Kalligrafien und Poesie.

In der Muromachi-Zeit (1336-1573) entwickelte sich die japanische Innenarchitektur weiter und es wurde üblich, in einem Haus einen sogenannten Washitsu (和室) – einen mit Tatami-Matten ausgelegten Raum einzurichten, der neben einem niedrigen Tisch auch eine als Tokonoma (床の間) bekannte Wandnische enthielt. 

Die Tokonoma diente primär der Ausstellung eines Kakejiku, meist in Verbindung mit einem Räucherstäbchengefäß und einem Ikebana-Blumengesteck oder einem Bonsai. Der ursprünglich religiöse Aspekt der Tokonoma wurde später durch die Verbindung zwischen der Kunst und dem Alltag ersetzt.

Die beiden großen Regenten der Monoyama-Zeit (1573-1603) Oda Nobunaga und sein Nachfolger Toyotomi Hideyoshi festigten die Tradition der Tokonoma und damit auch des Kakejiku durch ihre Vorliebe für die Teezeremonien, die meist im Washitsu abgehalten wurden. Es etablierte sich auch das Handwerk des Hyoso (表装) – des Baus von Kakejiku-Einfassungen.

In dieser sowie der nachfolgenden Edo-Zeit (1603-1868) blühte Japan kulturell und künstlerisch auf es entstanden mehrere bedeutende Schulen der japanischen Malerei, z.B. die Kano- Tosa- und Rinpa-Schulen. Die Kunst profitierte vom Wettbewerb der Schulen und Künstler untereinander.

In der Edo-Zeit wurden Kakejiku auch in weiten Teilen der japanischen Bevölkerung populär und zugänglich. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten, obwohl der Tokonoma-Brauch mittlerweile von Aussterben bedroht ist, da moderne japansische Wohnungen über keinen Washitsu mehr verfügen.