Bodhidharma – Der Mönch, der neun Jahre lang die Wand ansah
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Es gibt Legenden, die über Jahrhunderte an Kraft nicht verlieren, sondern zunehmen. Die Geschichte von Bodhidharma, dem Mönch, der der Überlieferung nach neun Jahre lang reglos vor einer Klosterwand meditierte, gehört zweifellos dazu. Kaum eine Figur der buddhistischen Kunstgeschichte wird so häufig dargestellt, in so unterschiedlichen Kontexten – von der ernsten Tuschmalerei über Keramikfiguren bis zur volkstümlichen Glücksbringer-Puppe. Bodhidharma gilt als Begründer des Zen-Buddhismus, und sein Bild ist bis heute eines der eindrücklichsten Symbole spiritueller Entschlossenheit in der japanischen Kunst.
Wer war Bodhidharma?
Bodhidharma war der Überlieferung nach ein buddhistischer Mönch aus Indien, der um das Jahr 520 nach China kam und dort maßgeblich zur Entstehung des Chan-Buddhismus beitrug – jener Strömung, die in Japan als Zen bekannt wurde. Obwohl er ursprünglich wohl für eine politische oder militärische Laufbahn vorgesehen war, entschied er sich, weltlichen Verpflichtungen zu entsagen und ein religiöses Leben zu führen. Er vertiefte sich in die Lehren des Mahayana-Buddhismus und soll unter mehreren Lehrern studiert haben, bevor er bei Prajñādhāra, dem 27. Patriarchen einer bis auf Buddha selbst zurückgehenden Lehrlinie, seine Ausbildung vollendete. Im Japanischen wird er Daruma oder Bodaidaruma genannt – eine lautliche Anpassung des Sanskrit-Namens.
Neun Jahre vor der Wand
Die berühmteste Episode der Bodhidharma-Legende spielt sich im Shaolin-Kloster in China ab, wo er sich der Überlieferung nach neun Jahre lang ununterbrochen der sitzenden Meditation (Zazen) widmete – mit dem Gesicht zur Wand gewandt, ohne sich durch Mönche ablenken zu lassen, die sich ihm als Schüler andienen wollten. Um während dieser Meditationsperiode nicht einzuschlafen, soll er sich, so eine besonders drastische Version der Legende, sogar die Augenlider abgeschnitten haben. Erst der Mönch Huike, der später als erster chinesischer Chan-Patriarch gilt, soll seine Aufmerksamkeit erregt haben, indem er sich selbst symbolisch einen Arm abtrennte, um seine Ernsthaftigkeit zu beweisen. In der japanischen Version der Legende bildeten sich Bodhidharmas Arme und Beine infolge der jahrelangen bewegungslosen Meditation vollständig zurück – ein Detail, das später zur charakteristischen Form der Daruma-Puppe führte.
Bodhidharma in der Ikonografie der Zen-Malerei
In der traditionellen japanischen Malerei und Kalligrafie wird Bodhidharma meist mit einer kraftvollen, fast wilden Erscheinung dargestellt: tiefe, durchdringende Augen, die die Intensität seines geistigen Fokus symbolisieren sollen, ein ungepflegter Bart und eine wilde Frisur, die seine Unabhängigkeit von weltlichen Konventionen unterstreichen. Diese Darstellungen entstehen traditionell in der Technik der Tuschmalerei Sumi-e, die mit wenigen, kraftvollen Pinselstrichen sowohl die äußere Erscheinung als auch die innere spirituelle Qualität des Dargestellten einzufangen versucht. Ein bekanntes historisches Beispiel ist das Werk „Bodhidharma überquert den Yangzi auf einem Schilfrohr“ des Malers Kanō Sōshū (1551–1601), das die Zen-Botschaft der Genügsamkeit – man braucht keine Extravaganz für ein sinnvolles Leben – bildlich verdichtet. Auch der Maler Unkoku Tōgan schuf ein einflussreiches, bewusst hintergrundloses Bodhidharma-Porträt, dessen Leere die buddhistische Vorstellung des „Nichts“ (Mu) unmittelbar zum Ausdruck bringt.
Von der Tempelmalerei zur Keramikfigur
Die Darstellung Bodhidharmas beschränkt sich längst nicht auf Malerei und Kalligrafie. Auch in der japanischen Keramikkunst, etwa in unglasierter Bizen-Ware, finden sich Bodhidharma-Figuren, deren natürliche Farben und Texturen aus dem Yakishime-Brennprozess bewusst mit der Zen-Ideale von Einfachheit und Authentizität korrespondieren. Die detaillierte Modellierung solcher Figuren – markante Gesichtszüge, intensive Augenpartie – überträgt die spirituelle Tiefe der Legende in ein dreidimensionales Objekt und zeigt, wie durchlässig die Grenzen zwischen Malerei, Kalligrafie und Kunsthandwerk in der japanischen Zen-Tradition seit jeher sind.
Die Daruma-Puppe: vom Mönch zum Glücksbringer
Aus der ernsten religiösen Ikonografie Bodhidharmas entwickelte sich in der Edo-Zeit eine volkstümliche Tradition, die bis heute in ganz Japan verbreitet ist: die Daruma-Puppe. Ihren Ursprung hat sie in Talismanen, die im Daruma-dera-Tempel in der Stadt Takasaki für Gläubige hergestellt wurden; um das Jahr 1770 entstanden die ersten Gussformen für die charakteristische Puppenform. Traditionell aus leichtem, hohlem Pappmaché gefertigt, ist die Daruma-Puppe rundlich, ohne Arme und Beine – ein direkter Verweis auf die Legende von Bodhidharmas Rückbildung der Gliedmaßen während seiner Meditation. Durch ihre besondere Gewichtsverteilung richtet sich die Puppe nach einem Umstoßen von selbst wieder auf, was sie zu einem Sinnbild für Ausdauer und Resilienz macht – im Japanischen zusammengefasst im Sprichwort „Nanakorobi yaoki“, „Siebenmal umfallen, achtmal aufstehen“.
Weiße Augen und ein persönliches Ziel
Eine Besonderheit der Daruma-Puppe ist, dass sie beim Kauf mit zwei leeren, weißen Augen ausgeliefert wird. Der Besitzer malt beim Fassen eines Vorsatzes zunächst ein Auge aus, während das zweite erst bemalt wird, sobald das Ziel erreicht wurde – ein kleines Ritual, das die Puppe zu einem persönlichen Begleiter über einen längeren Zeitraum macht, häufig über ein ganzes Jahr hinweg. Auch die charakteristischen Gesichtszüge größerer Daruma-Figuren tragen eigene Symbolik: Die Augenbrauen sind oft in Form eines Kranichs gestaltet, die Barthaare erinnern an einen Schildkrötenpanzer – beides Tiere, die in der japanischen Kultur für Langlebigkeit stehen. Diese Verschmelzung religiöser Symbolik mit volkstümlichem Aberglauben zeigt, wie flexibel und anpassungsfähig die Bodhidharma-Ikonografie über die Jahrhunderte geblieben ist, ohne dabei ihren spirituellen Kern gänzlich zu verlieren.
Bodhidharma und die Kampfkünste
Neben seiner zentralen Rolle im Zen-Buddhismus wird Bodhidharma in zahlreichen Legenden auch mit der Entstehung des Shaolin-Kung-Fu in Verbindung gebracht. Der Überlieferung nach fand er die Mönche des Shaolin-Klosters bei seiner Ankunft körperlich zu geschwächt für die anstrengende Meditationspraxis vor und soll ihnen daher körperliche Übungen vermittelt haben, die später die Grundlage der klösterlichen Kampfkunsttradition bildeten. Historisch lässt sich diese Verbindung nicht zweifelsfrei belegen, doch sie zeigt, wie sehr die Figur Bodhidharmas über die Jahrhunderte zu einem Sammelpunkt unterschiedlichster Legenden und kultureller Zuschreibungen wurde – vom strengen Religionsstifter bis zum Urvater körperlicher Disziplin.
Diese Vielschichtigkeit der Legende erklärt auch, warum Bodhidharma in der japanischen Kunst so unterschiedlich interpretiert werden konnte: mal als ernster, in sich gekehrter Meditierender, mal, wie in späteren Ukiyo-e-Holzschnitten des Künstlers Suzuki Harunobu, sogar in augenzwinkernd-ironischer Darstellung, die gesellschaftliche Normen und Erwartungen hinterfragt. Diese Bandbreite an Interpretationen – von tiefernster Ehrfurcht bis zu subtilem Humor – macht Bodhidharma zu einer der facettenreichsten Figuren der gesamten japanischen Kunstgeschichte.
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