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Wabi-Sabi als Trend: Warum sich Unvollkommenheit nicht bestellen lässt

Erdig, rau, gern etwas schief: Wabi-Sabi ist zum Einrichtungslabel geworden. Ausgerechnet dieser Erfolg arbeitet gegen die Sache selbst.
Schulter und Mündung einer unglasierten Bizen-Sakeflasche mit ockerfarbenem Ascheanflug, dunkler Brandzone und feinen Drehrillen

Regelmäßig erreichen uns Anfragen, die ungefähr so klingen: gesucht wird eine Schale im Wabi-Sabi-Stil, erdig, mit unregelmäßigem Rand, passend zu heller Eiche und ungebleichtem Leinen. Solche Anfragen sind freundlich, konkret und völlig legitim – und trotzdem beschreiben sie etwas anderes, als sie zu beschreiben glauben. Beschrieben wird ein Aussehen. Wabi-Sabi ist aber kein Aussehen, sondern ein Urteil: die Entscheidung, das Unregelmäßige, Gealterte und Unfertige für schön zu halten statt für misslungen. Seit einigen Jahren läuft der Begriff durch Wohnzeitschriften, Möbelkataloge und Bildplattformen, er ist zu einem Etikett geworden, das man bestellen kann. Ausgerechnet dieser Erfolg arbeitet gegen die Sache. Warum das so ist, woher der Begriff stammt und warum die Sehnsucht dahinter trotzdem ernst zu nehmen ist, davon handelt dieser Text.

Wabi und Sabi waren lange zwei verschiedene Wörter

Wabi (侘び) und Sabi (寂び) gehören nicht von Haus aus zusammen. Wabi kommt vom Verb wabu und meint zunächst nichts Schönes: darben, sich elend fühlen, an einer unerfüllten Sehnsucht leiden. Erst allmählich kippt die Bedeutung ins Ästhetische, hin zu einer Kargheit, die man freiwillig wählt. Sabi ist mit dem Altwerden verwandt, mit Rost, Verwitterung und Alleinsein, und wurde vor allem in der Dichtung zum Qualitätsbegriff: die Fülle, die in einer stillen, winterlichen Szene steckt.

Ins Zentrum der Teekultur rückte wabi über drei Namen. Murata Jukō (1423–1502) ersetzte das kostbare Gerät chinesischer Herkunft durch schlichtes Holz und einfachen Ton. Takeno Jōō (1502–1555) führte diese Linie weiter. Und Sen no Rikyū (1522–1591) trieb sie auf die Spitze: winzige Teeräume, ein Eingang so niedrig, dass jeder Gast sich bücken musste, schwarze Raku-Schalen, ein Löffel aus Bambus statt aus Metall.

Den Doppelbegriff gibt es noch gar nicht lange

Was viele überrascht: Wabi-Sabi als feste Wortverbindung ist jung. In den gängigen japanischen Wörterbüchern steht der Doppelbegriff nicht. Wabi und sabi wurden über Jahrhunderte getrennt verwendet, in unterschiedlichen Künsten und mit unterschiedlichen Beiklängen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden sie regelmäßig als Paar gedacht, als Kurzformel für eine typisch japanische Ästhetik, die sich international gut erklären ließ.

Im englischen Sprachraum taucht die Zusammensetzung etwa ab 1980 gedruckt auf. Von dort wanderte sie zurück nach Japan, wo sie inzwischen ebenfalls benutzt wird – häufig genau dann, wenn es darum geht, Ausländern etwas zu erklären. Das ist keine Fälschung und keine Erfindung aus dem Nichts. Die Sache ist alt, das Etikett ist neu. Man sollte beim Wort Wabi-Sabi nur wissen, dass man eine moderne Verpackung in der Hand hält.

Der Weg ins Wohnzimmer führte über Bücher

Die westliche Rezeption beginnt nicht auf Bildplattformen, sondern in einer Bibliothek. 1906 veröffentlichte Okakura Kakuzō „The Book of Tea“, auf Englisch und ausdrücklich für ein westliches Publikum geschrieben: eine Verteidigung der Teekultur gegen die Vorstellung, Schönheit müsse prächtig sein. 1972 erschien Yanagi Sōetsus „The Unknown Craftsman“ auf Englisch und brachte Begriffe wie shibui, wabi und sabi in die Sprache der internationalen Handwerksbewegung.

Zum Vokabel für Gestalter wurde die Formel 1994 durch Leonard Korens schmales Buch „Wabi-Sabi for Artists, Designers, Poets & Philosophers“, erschienen bei Stone Bridge Press in Berkeley. In die Innenarchitektur trug sie unter anderem der belgische Antiquar und Gestalter Axel Vervoordt, dessen Bildband „Wabi Inspirations“ 2010 bei Flammarion herauskam. Spätestens danach war Wabi-Sabi ein Wort für Räume und nicht mehr nur für Teeschalen – und ab 2018, mit Beth Kemptons Ratgeber, auch eines für die Lebensführung.

Warum die Sehnsucht ausgerechnet jetzt so groß ist

Dass der Begriff gerade jetzt Konjunktur hat, ist keine Modelaune. Wir sehen täglich Bilder, die vor der Veröffentlichung geglättet wurden: Haut, Möbel, Speisen, ganze Räume, alles nachkorrigiert. Eine Oberfläche, an der sichtbar nichts korrigiert wurde, wirkt in dieser Umgebung wie ein offenes Fenster.

Dazu kommt eine Sättigung durch Industriedesign. Ein Becher aus der Serienfertigung ist gut gemacht, günstig und überall zu haben – und sagt genau deshalb nichts. Wer zehn davon nebeneinanderstellt, sieht zehnmal dasselbe. Der dritte Grund ist die Nachhaltigkeitsdebatte: reparieren statt ersetzen, Dinge länger behalten, Alterung nicht als Wertverlust verbuchen. Das trifft sich mit einer Haltung, die seit rund fünfhundert Jahren ungefähr dasselbe sagt. Etiketten wie Japandi oder Slow Living sind Nachbarn derselben Bewegung. Die Sehnsucht ist also echt und vernünftig. Sie ist nur schwer zu bedienen, weil sie sich nicht sauber in ein Produkt übersetzen lässt.

Wabi-Sabi lässt sich nicht kaufen, nur erkennen

Der Kern des Widerspruchs ist schnell erzählt. Wabi-Sabi beschreibt keine Eigenschaft eines Gegenstands, sondern die Art, wie jemand ihn ansieht. Während seine Zeitgenossen kostbares chinesisches Importgut sammelten, ließ Rikyū im Teeraum einfaches, oft alltägliches Gerät gelten. Verändert hatten sich nicht die Gefäße, sondern der Blick auf sie.

Daraus folgt etwas Unbequemes, gerade für einen Händler: Ein Objekt kann man liefern, eine Haltung nicht. Verkaufen lässt sich eine Teeschale mit einer Oberfläche, an der es etwas zu sehen gibt. Ob daraus mehr wird als Dekoration, entscheidet sich später, in der Küche, beim zweiten und dritten Hinsehen. Der Handel kann dafür nur die Voraussetzungen schaffen – und ehrlich sagen, wo seine Zuständigkeit endet.

Aufgeraut ist nicht dasselbe wie gebrannt

Seit einigen Jahren gibt es Ware, die den Wabi-Sabi-Look gleich mitliefert: Vasen mit künstlich aufgerauter Oberfläche, Schalen mit absichtlich schief gezogenem Rand, Steinzeugimitate mit aufgedruckter Sprenkelung, dazu Anzeigen, die „perfekt unperfekt“ versprechen. Handwerklich ist daran nichts verwerflich, und manches davon sieht gut aus. Es ist nur das Gegenteil dessen, worum es geht: Unvollkommenheit als Entwurfsentscheidung, im Werkzeug festgelegt und hundertfach identisch wiederholt.

Bei einem im Holzofen gebrannten Stück verhält es sich umgekehrt. Der Töpfer bestimmt Ton, Form, Stellplatz im Ofen, Brennholz und Luftführung – und gibt dann ab. Wo die Flamme entlangzieht, wo sich Flugasche absetzt und zu Glas schmilzt, wo der Scherben rot und wo er grau wird, entscheidet das Feuer. Deshalb ist handgefertigte japanische Keramik als Unikat kein Verkaufsargument, sondern eine schlichte Beschreibung des Verfahrens.

Woran Sie den Unterschied tatsächlich sehen

Simulierte Unregelmäßigkeit wiederholt sich. Stehen zwei Exemplare nebeneinander, sitzt die Delle an derselben Stelle, läuft der Riss in derselben Kurve, verteilt sich die Rauheit gleichmäßig über die ganze Wandung. Echte Brandspuren sind dagegen einseitig: Eine Seite hat mehr Feuer abbekommen als die andere, der Ascheanflug liegt dort, wo Asche hinfliegen konnte, und bricht ab, wo das Nachbarstück im Ofen den Weg versperrte.

Drehen Sie ein Stück um, der Fußring erzählt am meisten: Drehrillen, die Spur des Abschneidedrahts, ein paar Sandkörner vom Brennhilfsmittel, manchmal eine eingeritzte Marke. Und sehen Sie sich den Rand an. Eine Lippe, die der Hand gefolgt ist, verläuft weich und ungleichmäßig, nicht in einer sauber wiederkehrenden Welle. Wer japanische Keramik kaufen möchte, braucht dafür kein Fachwissen, nur zwei Minuten Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, mehrere Bilder desselben Stücks anzusehen.

Ein Stück, das Spuren entwickelt, statt sie mitzubringen

Der zweite Unterschied zeigt sich erst mit der Zeit. Chatō (茶陶), die Keramik für den Teegebrauch, ist nicht auf Unveränderlichkeit angelegt. Ein unglasierter, poröser Scherben nimmt Tee und Sake auf und dunkelt langsam nach. Feine Haarrisse in der Glasur, das Craquelé, färben sich mit jeder Nutzung ein Stück weiter ein. Der Fußring bekommt vom Anfassen einen weichen Glanz, den kein Poliermittel erzeugt.

Das ist der entscheidende Punkt gegenüber jeder mitgelieferten Alterung: Die eine ist ein Zustand, die andere ein Verlauf. Ein Stück mit künstlicher Patina sieht am ersten Tag aus wie am tausendsten. Eine Teeschale, die benutzt wird, ist nach einem Jahr eine andere – und sie ist es durch die Person geworden, die sie benutzt hat. Eine Schale, die nie Tee gesehen hat, bleibt in gewisser Weise unfertig.

Kintsugi ist die konsequenteste Form – und die meistzitierte

Am weitesten treibt es Kintsugi (金継ぎ), die Reparatur mit Lack. Bruchstellen werden mit Urushi geklebt, die Nähte anschließend mit Gold- oder Silberpulver abgesetzt. Der Schaden wird nicht kaschiert, sondern hervorgehoben, das Objekt bekommt eine sichtbare Biografie. Konsequent ist das, weil es dreierlei voraussetzt: Das Stück wurde benutzt, es ist zerbrochen, und jemand hielt es für wichtig genug, um es aufwendig zu retten.

Gerade weil das Bild so gut ist, hat es sich verselbstständigt. Kintsugi steht inzwischen auf Postern, in Ratgebern zur Krisenbewältigung und auf Bastelsets mit goldfarbenem Kleber, deren Ergebnis anschließend keine Speisen mehr verträgt. Darüber kann man die Nase rümpfen. Man kann aber auch anerkennen, dass hier eine gute Idee reist, selbst in schlechter Kopie – und dass mancher über das Poster beim echten Gegenstand landet.

Der Trend ist nicht der Gegner

Es wäre unredlich, diesen Text zu schreiben, ohne den eigenen Anteil zu nennen: Wir leben von diesem Interesse. Ohne den Boom hätten viele Menschen nie eine Bizen-Flasche oder eine Hagi-Schale in die Hand genommen, geschweige denn nach dem Fußring gesehen. Ein Trend, der Leute zu Gegenständen bringt, die sie sonst übersehen hätten, ist kein Feind. Er ist eine Tür.

Entscheidend ist, was hinter der Tür passiert. Ob die Schale ein Requisit auf einem Regalbrett bleibt, zwischen Trockenzweig und Leinenvorhang, oder ob sie in die Küche wandert, Tee sieht, angestoßen wird und in zehn Jahren anders aussieht als heute. Wer japanische Keramik kaufen möchte, findet bei densho.de handgetöpferte Einzelstücke, die wir persönlich in Japan ankaufen: rau gebrannte Ware aus Bizen, Shigaraki und Tanba, dazu die weicheren Glasuren von Hagi, Shino und Raku. Nehmen Sie eines davon täglich in die Hand. Den Rest erledigt die Zeit.