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Ratgeber

Warum trägt ein Kakemono oft die Signatur eines längst verstorbenen Künstlers?

Ein Rollbild aus der Meiji-Zeit, signiert von einem Maler des 18. Jahrhunderts: Wie es dazu kommt und warum das in Japan kein Widerspruch ist.
Nahaufnahme der Signaturspalte eines japanischen Kakemono mit dem Rang Hogen, dem Zeichen fuer gemalt von und einem roten Kuenstlersiegel auf gealtertem Papier
Auf den Punkt gebracht
Viele japanische Kakemono tragen Signatur oder Siegel eines Künstlers, der zur geschätzten Entstehungszeit des Objekts bereits verstorben war. Die Epochenangabe beschreibt den Bildträger, die Signatur nur das, was aufgemalt wurde – zwei unabhängige Aussagen. Hinter der Abweichung stehen meist Ausbildung und Werkstattpraxis: Kopieren nach Funpon war jahrhundertelang der Lehrplan, Utsushi gilt als Verbeugung vor dem Lehrer, Namen wurden in Schulen weitergegeben und Werkstätten signierten mit dem Namen des Meisters. Solche Rollbilder sind keine Fälschungen, sondern handgemalte Einzelstücke; die entscheidende Unterscheidung verläuft zwischen Handmalerei und Druck.

Man rollt ein Kakemono auf, legt es flach auf den Tisch, und der Blick wandert fast von selbst nach unten. Dort steht eine schmale Spalte Schriftzeichen, darunter ein rotes Siegel, kaum größer als eine Briefmarke. Man tippt den Namen in eine Suchmaschine – und liest, dass dieser Maler 1837 gestorben ist. Dann schaut man wieder auf die Datierung des Rollbilds: Shōwa-Zeit, also frühestens 1926. Fast ein Jahrhundert liegt dazwischen.

Beides steht so da, und keines von beidem ist ein Tippfehler. Der Fall ist auch nicht selten. Unter den Rollbildern, die wir derzeit lieferbar haben und denen ein namentlich bekannter Künstler zugeordnet ist, beginnt bei fast der Hälfte die angegebene Epoche erst nach dessen Todesjahr. Wer das zum ersten Mal bemerkt, denkt an Betrug. Die tatsächliche Erklärung ist interessanter – und sie führt mitten hinein in eine Auffassung vom Kopieren, die sich von der europäischen deutlich unterscheidet.

Zwei Angaben, die über zwei verschiedene Dinge sprechen

Die Entstehungszeit und der Künstlername beantworten nicht dieselbe Frage. Die Epochenangabe beschreibt das Objekt: das Papier oder die Seide, auf der gemalt wurde, die verwendeten Farben, den Zustand des Bildträgers, die Art der Montierung. Sie ist eine Einschätzung des Dings, das vor einem liegt. Der Künstlername dagegen gibt wieder, was auf dem Bild steht – welche Signatur gesetzt und welches Siegel gedrückt wurde.

Das sind zwei unabhängige Aussagen, und deshalb können sie auseinanderfallen. Ein Shop, der beide ehrlich wiedergibt, wird zwangsläufig hin und wieder einen Widerspruch abbilden. Die Alternative wäre, die Spannung stillschweigend aufzulösen: entweder das Objekt älter zu machen, als es ist, oder den Namen wegzulassen, der ja nun einmal darauf steht. Beides wäre bequemer und beides wäre unehrlicher. Wer ein antikes Kakemono kaufen möchte, sollte diese beiden Zeilen deshalb getrennt lesen – die eine sagt, wie alt das Stück vermutlich ist, die andere, wessen Name darauf erscheint.

Woran sich das Alter eines Rollbilds ablesen lässt – und woran nicht

Ein verbreiteter Irrtum betrifft die Montierung. Ein Kakemono besteht aus dem eigentlichen Bild, dem Honshi (本紙), und der Fassung aus Papier und Seidenbrokat darum herum. Diese Fassung ist Verschleißteil: Rollbilder werden traditionell etwa alle hundert bis zweihundert Jahre neu montiert, weil Klebung und Gewebe ermüden und sich Knickfalten festsetzen. Eine frische, tadellose Seide um ein Bild herum sagt daher fast nichts über das Alter der Malerei aus – sie kann bedeuten, dass ein altes Werk gut gepflegt wurde. Umgekehrt beweist eine schäbige Montierung kein hohes Alter.

Aussagekräftig ist der Bildträger selbst. Papier und Seide altern sichtbar: Der Ton wird wärmer, Stockflecken treten aus, die Tusche zieht über Jahrzehnte minimal in die Fasern und verliert ihre scharfe Kante. Noch genauer sind die Farben. Berliner Blau kam Ende des 18. Jahrhunderts über Nagasaki nach Japan – der früheste belegte Verkauf datiert auf 1782 – und wurde ab den 1830er Jahren breit verwendet. Die synthetischen Anilinfarben folgten erst viel später: Das erste, Mauvein, wurde 1856 in England entdeckt, in Japan sind solche Farbstoffe nicht vor den 1860er Jahren nachweisbar. Ein leuchtendes Magenta auf einem angeblich frühen Edo-Bild ist damit kein Verdacht mehr, sondern ein Datum.

Auch die Signatur selbst datiert mit. Seit dem 11. Jahrhundert vergab der Hof an herausragende Maler Ehrenränge, die eigentlich buddhistischen Geistlichen vorbehalten waren: Hokkyō (法橋), darüber Hōgen (法眼), darüber Hōin (法印). Wer einen solchen Rang trug, schrieb ihn in seine Signatur – und weil ein Rang zu einem bestimmten Zeitpunkt verliehen wurde, grenzt er das Entstehungsjahr ein. Auf dem Rollbild, dessen Signaturspalte Sie im Bild zu diesem Artikel sehen, endet die Zeile genau so: mit dem Rang Hōgen und dem Zeichen 筆 – „gemalt von".

Kopieren war der Lehrplan, nicht der Betrug

Um zu verstehen, wie ein alter Name auf ein junges Bild kommt, muss man wissen, wie japanische Maler ausgebildet wurden. Im Zentrum stand über Jahrhunderte das Funpon (粉本): Sammlungen von Kopien, die eine Werkstatt anlegte, hütete und über Generationen weitergab. Werkstattschüler bekamen Originale alter Meister kaum je zu Gesicht. Was sie stattdessen studierten, waren die Nachzeichnungen ihres eigenen Meisters, die als Stilhandbuch dienten – Motiv für Motiv, Pinselzug für Pinselzug.

Die Kanō-Schule, die vom 15. bis ins 19. Jahrhundert die offizielle Malerei Japans bestimmte, hat dieses System zur Vollendung getrieben. Wer dort lernte, kopierte jahrelang, bevor er etwas Eigenes entwarf, und die Beherrschung des überlieferten Repertoires galt als das eigentliche Können. Dass später Kritiker genau darin den Grund für die Erstarrung der Schule sahen, gehört zur Geschichte dazu. Aufschlussreich ist auch die Gegenbewegung: Als Maruyama Ōkyo im 18. Jahrhundert das Shasei (写生) einführte, das Zeichnen nach der Natur, galt das als Neuerung – ein deutliches Zeichen dafür, wie selbstverständlich das Kopieren bis dahin der Normalfall war.

Ein Maler, der um 1900 eine Kanō-Landschaft malte, tat also nicht etwas Anrüchiges. Er tat genau das, wozu er ausgebildet worden war, in der Formensprache, die er als einzige gelernt hatte.

Utsushi: die Kopie als Verbeugung

Für das Kopieren gibt es im Japanischen mehrere Wörter, und sie meinen Verschiedenes. Mosha (模写) ist die getreue Nachbildung. Hō (倣) bedeutet „in der Art von" und steht oft ausdrücklich in der Bildaufschrift – „nach Sesshū" ist dann keine Verschleierung, sondern eine Angabe: Der Maler benennt, in wessen Linie er sich stellt. Und dann gibt es Utsushi (写し), den Begriff, der am weitesten von der europäischen Vorstellung einer Kopie entfernt liegt.

Utsushi meint ein Wiederaufnehmen, das zugleich Aneignung und Verbeugung ist. Der Kopierende tritt in ein Gespräch mit dem Meister der Vergangenheit: Er eignet sich dessen Technik, Material und ästhetische Entscheidungen an und verbindet damit seine eigene Zeit mit einer früheren. Vom bloßen Reproduzieren, dem Mozō (模造), wird das ausdrücklich unterschieden. In der Teekultur ist Utsushi völlig geläufig – nachfolgende Teemeister nehmen bewusst Objekte auf, die ihre Vorgänger schätzten, um sie auf neue Weise zu gebrauchen.

Vor diesem Hintergrund ist es keine Merkwürdigkeit, sondern eine Form des Respekts, wenn ein Schüler seinem Lehrer nachmalt oder ein Maler das Siegel des Meisters setzt, dessen Handschrift er weiterführt. Auch wirtschaftlich hat das seinen Sinn: Eine als solche benannte Kopie ist der zugängliche Weg zu einem Motiv, das im Original unerreichbar bliebe. Wer japanische Kalligrafie kaufen möchte, findet unter den Rollbildern regelmäßig Kopien, die von geübter Hand geschrieben sind und trotzdem im dreistelligen Bereich bleiben.

Wenn ein Name die Werkstatt meint und nicht die Hand

Selbst dort, wo Signatur und Lebenszeit zusammenpassen, ist die Sache weniger eindeutig, als sie aussieht. In der Werkstattmalerei der Edo-Zeit entwarf der Meister die Komposition – gerade bei großen Formaten –, während die Gehilfen Details ausführten und Farbe anlegten. Signiert wurde trotzdem nur mit dem Namen des Meisters. An erhaltenen Werken der Kanō-Werkstatt lassen sich mehrere Handschriften nebeneinander nachweisen, besonders in den Hintergründen. Das war kein Geheimnis und galt nicht als Mangel: Der Name stand für die Werkstatt, die für das Ergebnis einstand.

Dazu kommt, dass Namen in Japan wandern. Ein Lehrer verlieh seinen Schülern einen Künstlernamen, der ein Zeichen aus seinem eigenen Namen enthielt. In der Utagawa-Schule gab Toyokuni das Zeichen „kuni" weiter – daraus wurden Kunisada und Kuniyoshi; Kuniyoshi wiederum gab „yoshi" an seine Schüler weiter, unter ihnen Yoshitoshi. Wer diese Systematik kennt, liest eine Signatur anders: Sie verortet ein Werk zuverlässig in einer Linie und einer Werkstatt – wer den Pinsel geführt hat, sagt sie nur ungefähr.

Ähnliches gilt für Namen, die über Generationen weitergegeben wurden. Führt eine Werkstatt den Namen ihres Gründers fort, kann dieselbe Signatur über hundert Jahre hinweg auftauchen, ohne dass irgendetwas daran falsch wäre. In der japanischen Keramik ist dieses Prinzip noch sichtbarer, dort steht die Generationenziffer meist mit auf der Holzbox.

Warum ein Meistersiegel auf einem viel späteren Bild sitzt

Für den Fall, um den es hier geht – alter Name, jüngeres Bild –, kommen im Wesentlichen vier Wege in Frage. Erstens: Der Maler setzte Signatur oder Siegel als Referenz, so wie man einen Satz zitiert. Zweitens: Eine Werkstatt arbeitete nach dem Tod ihres Gründers in seinem Namen weiter. Drittens: Jemand fügte einem unsignierten Bild später einen Namen hinzu – im Handel geschah das durchaus mit Blick auf den Preis. Viertens: Es handelt sich um eine gedruckte Reproduktion, bei der das Siegel schlicht mitgedruckt wurde.

Welcher dieser Wege im Einzelfall zutrifft, lässt sich hundert Jahre später fast nie rekonstruieren. Die Absicht eines Menschen, der 1930 einen Pinsel in der Hand hielt, ist kein Befund, den man an einem Objekt ablesen kann. Was sich ablesen lässt, ist das Objekt selbst: ob gemalt oder gedruckt, auf welchem Träger, mit welchen Farben, in welcher Qualität.

Einige Rollbilder in unserem Bestand sagen genau das in ihrer Beschreibung. Manchmal tragen zwei Siegel die Namen bekannter Kanō-Meister, während der Erhaltungszustand eindeutig auf die spätere Shōwa-Zeit weist – der Maler, vermutlich selbst aus dem Umfeld der Schule, zollte den Meistern der Vergangenheit damit Respekt. Es kommt auch vor, dass in der Beschreibung wörtlich steht, dass das Werk die Stempel zweier Kanō-Maler trägt, aber nicht von diesen selbst stammt. Solche Sätze kosten Verkaufsargumente. Sie sind trotzdem die einzige Fassung, die man ein Jahr später noch guten Gewissens vertreten kann.

Ist ein solches Rollbild dann eine Fälschung?

Das Wort trifft es in den meisten Fällen nicht. Fälschung ist eine Aussage über eine Absicht: Jemand wollte täuschen. Diese Absicht ist bei einem Bild aus dem Jahr 1930 praktisch nie nachweisbar, und die naheliegenderen Erklärungen – Ausbildung, Werkstatttradition, Referenz an den Lehrer – decken das Feld weitgehend ab. Wer jedes Rollbild mit einem älteren Namen zur Fälschung erklärt, wendet außerdem eine Kategorie an, die aus einer anderen Kunstgeschichte stammt. In einer Malkultur, in der das Kopieren jahrhundertelang der Lehrplan war und Utsushi als Respektbezeugung gilt, schneidet die Gegenüberstellung von Original und Fälschung schlicht am Material vorbei.

Wo die Grenze tatsächlich verläuft, ist an anderer Stelle: zwischen einem von Hand gemalten Werk und einer Reproduktion. Ein handgemaltes Rollbild ist ein Einzelstück, gleichgültig, welcher Name darauf steht und in welchem Jahrzehnt es entstanden ist. Ein Druck ist eine Auflage. Beides kann seinen Platz haben – ein Druck etwa, wenn ein berühmtes Motiv sonst unerreichbar wäre –, aber beides gehört klar benannt. Wir kennzeichnen Drucke als Drucke, auch wenn sie in Japan gefertigt, klassisch montiert und schön anzusehen sind.

Handmalerei oder Druck: der Unterschied, auf den es wirklich ankommt

Diese Unterscheidung können Sie selbst treffen, und sie braucht wenig mehr als eine Lupe und schräg einfallendes Tageslicht. Eine Pinsellinie ist nie gleichmäßig: Sie beginnt mit einem Druckpunkt, wird dünner, reißt am Ende auf, und die Tusche ist an den Rändern minimal in die Fasern gezogen. Ein Druck zeigt stattdessen eine gleichmäßige Farbdichte, saubere Kanten und unter der Lupe oft ein Raster oder ein feines Punktmuster. Hochwertige Verfahren wie der Lichtdruck, den Kyotoer Werkstätten seit Anfang des 20. Jahrhunderts für Reproduktionen von Rollbildern einsetzen, kommen ohne sichtbares Raster aus – dort hilft der Blick auf die Struktur des Trägers und darauf, ob die Tusche wirklich in die Faser eingezogen ist.

Beim Siegel gilt dasselbe. Ein tatsächlich abgedrücktes Siegel entsteht mit Shuniku, roter Zinnoberpaste; sie liegt minimal erhaben auf, hat unregelmäßige Ränder und kleine Aussetzer, wo die Paste nicht getragen hat. Ein mitgedrucktes Siegel ist flach, gleichmäßig und an jedem Exemplar identisch. Wenn Sie ein original japanisches Rollbild kaufen wollen, ist das der eine Punkt, an dem sich Nachfragen immer lohnt – nicht die Frage nach dem berühmten Namen, sondern die Frage, ob von Hand gemalt wurde.

Was ein solches Kakemono wert ist

Zuerst das, was es nicht ist: Es ist kein Werk des berühmten Namens, und niemand sollte es als solches bezahlen. Der Aufpreis für eine gesicherte Zuschreibung entfällt, und das ist auch richtig so.

Was bleibt, ist trotzdem beträchtlich. Ein solches Rollbild ist ein von Hand gemaltes Einzelstück – jeder Pinselzug sitzt genau einmal, und die Entscheidung, wo eine Fläche leer bleibt, hat ein Mensch getroffen. Es ist außerdem ein Dokument: Es belegt, dass die Formensprache einer Schule um 1900 oder um 1950 noch lebendig war, gemalt von jemandem, der sie beherrschte. In vielen Fällen ist die malerische Qualität höher als bei manchem zeitgenössisch signierten Bild, denn wer so etwas ausführen konnte, hatte eine lange Ausbildung hinter sich.

Und schließlich ist da der Preis. Ein Rollbild mit gesicherter Zuschreibung an einen bedeutenden Edo-Maler bewegt sich in Regionen, die mit Sammeln im Wortsinn wenig zu tun haben. Ein sorgfältig gemaltes Werk aus der Meiji- oder Shōwa-Zeit, das dieselbe Tradition fortführt, hängt für einen Bruchteil davon an Ihrer Wand – und es hängt dort als Unikat, nicht als Reproduktion.

Der Namenszug am unteren Rand

Es gibt einen Moment, in dem sich das Verhältnis zu so einem Bild ändert. Man hört auf, die Signatur als Echtheitszertifikat zu lesen, und liest sie als das, was sie ist: einen Satz. Da steht ein Name, ein Rang vielleicht, und das Zeichen für „gemalt". Geschrieben von jemandem, der wusste, in welcher Reihe er stand, und der das sichtbar machen wollte. Das Bild wird dadurch nicht kleiner. Es bekommt eine zweite Geschichte neben der ersten.

Bei densho.de kaufen wir jedes Rollbild einzeln in Japan an und beschreiben es so, wie es vorliegt: Was wir zur Datierung sagen können, sagen wir, was auf dem Bild steht, geben wir wieder, und wo beides auseinandergeht, schreiben wir das hin. Wenn Sie durch unsere Kakemono gehen, achten Sie einmal gezielt auf diese Stellen. Sie führen zu den Stücken, bei denen es mehr zu entdecken gibt als ein Motiv.