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Wissenswertes

Kasama-yaki – der Töpferort, der keinen festen Stil kennt

Eisenhaltiger Granitton, rostrote Kaki-Glasur und rund dreihundert Werkstätten, die nichts eint als der Ort: Kasama-yaki ist Japans offene Keramiktradition.
Nahaufnahme einer handgetöpferten Teeschale (Chawan) aus Steinzeug mit erdbraun bis ockerfarben changierender Glasur, grauen Glasurschlieren und körniger Oberfläche
Auf den Punkt gebracht
Kasama-yaki (笠間焼) ist eine japanische Steinzeug-Keramik aus der Stadt Kasama in der Präfektur Ibaraki, nordöstlich von Tokio. Sie entstand in der Ära An'ei (1772–1781), als der Dorfvorsteher Kuno Han'emon mit Anleitung eines Töpfers aus Shigaraki einen Ofen errichtete, und gilt als ältester Keramikort der Kantō-Region. Verarbeitet wird eisenhaltiger, sehr plastischer Ton aus verwittertem Granit. Bis in die Nachkriegszeit entstanden vor allem Alltags- und Vorratsgefäße für den Großraum Edo/Tokio; danach öffnete sich der Ort für freie Studiokeramik. Kasama-yaki kennt deshalb keinen verbindlichen Stilkanon und wurde 1992 als traditionelles Kunsthandwerk anerkannt.

Die meisten japanischen Ofennamen sind ein Versprechen. Wer Bizen hört, denkt an ungeglasiertes, rostrotes Steinzeug; wer Kutani hört, an leuchtende Farbmalerei. Bei Kasama-yaki läuft dieses Versprechen ins Leere – und das ist keine Schwäche, sondern der Kern der Sache. In der Stadt Kasama in der Präfektur Ibaraki, rund hundert Kilometer nordöstlich von Tokio, arbeiten heute etwa dreihundert Töpferinnen und Töpfer nebeneinander, und kaum zwei von ihnen machen dasselbe. Wer dort durch die Werkstattstraßen geht, findet grob gebrannte Vorratskrüge neben glatt glasierten Bechern, rustikale Ascheanflüge neben streng gezeichnetem Dekor. Kasama ist kein Stil. Kasama ist ein Ort, an dem Keramik gemacht wird.

Was ist Kasama-yaki?

Kasama-yaki (笠間焼) ist eine japanische Steinzeug-Keramik aus der Stadt Kasama in der Präfektur Ibaraki, rund hundert Kilometer nordöstlich von Tokio. Sie entstand in der Ära An'ei (1772–1781) und gilt als ältester Keramikort der Kantō-Region, also des Großraums um die heutige Hauptstadt. Verarbeitet wird ein eisenhaltiger, ausgesprochen plastischer Ton aus verwittertem Granit, der ohne Glasur in warmen Rot- und Dunkelbrauntönen ausbrennt. Fast zwei Jahrhunderte lang produzierte Kasama vor allem Alltags- und Vorratsgefäße; erst nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete sich der Ort für freie Studiokeramik. Anders als die meisten japanischen Ofentraditionen kennt Kasama-yaki deshalb keinen verbindlichen Stilkanon – vorgeschrieben ist weder eine Form noch eine Glasur. 1992 wurde Kasama-yaki vom japanischen Staat als Dentōteki Kōgeihin (traditionelles Kunsthandwerk) anerkannt.

Ein Töpfer aus Shigaraki und ein Dorfvorsteher

Die Überlieferung führt den Anfang auf zwei Männer zurück. Kuno Han'emon Michinobu, Nanushi (Dorfvorsteher) des Dorfes Hakoda im damaligen Land Hitachi, ließ in der Ära An'ei einen Ofen errichten und lernte das Handwerk bei einem Töpfer aus Shigaraki, dessen Name in den Quellen als Chōemon beziehungsweise Chōzaemon überliefert ist. Die Ware dieses ersten Ofens hieß zunächst nach dem Dorf Hakoda-yaki; als zweite Wurzel nennen japanische Darstellungen das Shishido-yaki des Yamaguchi Kanbei. Dass ausgerechnet ein Fachmann aus Shigaraki den Anstoß gab, erklärt manches an der frühen Kasama-Ware: schwere, hoch gebrannte Vorratsgefäße aus grobem, eisenhaltigem Ton, ganz auf Gebrauch hin gedacht. Das Lehen Kasama nahm die Öfen bald unter seinen Schutz; 1861 bestimmte Fürst Makino Sadanao sechs Werkstätten zu offiziell geförderten Shihō-gama (Vorschriftsöfen). Das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke bestätigt diese Herkunft: Kasama-yaki gehe auf Handwerker in Hakoda zurück, die unter Anleitung von Shigaraki-Töpfern brannten, und habe bis zur Auflösung des Lehens in der Meiji-Zeit dessen Schutz genossen. Das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke bestätigt diese Herkunft: Kasama-yaki gehe auf Handwerker in Hakoda zurück, die unter Anleitung von Shigaraki-Töpfern brannten, und habe bis zur Auflösung des Lehens in der Meiji-Zeit dessen Schutz genossen.

Vorratsgefäße für die Millionenstadt Edo

Kasamas eigentliches Kapital war die Lage. Edo, das spätere Tokio, gehörte im 18. und 19. Jahrhundert zu den größten Städten der Welt, und diese Stadt brauchte Gefäße: Kame (Vorratskrüge) für Miso, Sojasauce und eingelegtes Gemüse, Suribachi (Reibschalen) mit gerillter Innenwand, Dobin (Teekannen) für den täglichen Gebrauch. Kasama lieferte dieses schlichte, robuste Geschirr in großen Mengen. Einen Schub brachte die Meiji-Zeit: 1869 übernahm der Händler Tanaka Yūzaburō den Ofen der Familie Sekine, vertrieb die Ware unter dem Namen Kasama-yaki über den Hafen Yokohama und machte die Bezeichnung überregional bekannt. 1877 wurde ein Teekrug aus Kasama auf der Inländischen Industrieausstellung mit einem ersten Preis ausgezeichnet. Ein zweiter Absatzweg lief über den Kasama-Inari-Schrein, eines der drei großen Inari-Heiligtümer Japans, wo Pilger die Keramik als Andenken mitnahmen. Wie lange dieses Profil trug, hält das japanische register der traditionellen kunsthandwerke fest: Bis etwa in die 1940er-Jahre stellte Kasama vor allem Küchengerät wie Flaschen und Reibschalen her; erst danach traten Tafelgeschirr, Vasen und dekorative Objekte in den Vordergrund. Wie lange dieses Profil trug, hält das japanische register der traditionellen kunsthandwerke fest: Bis etwa in die 1940er-Jahre stellte Kasama vor allem Küchengerät wie Flaschen und Reibschalen her; erst danach traten Tafelgeschirr, Vasen und dekorative Objekte in den Vordergrund.

Was der Boden zwischen Kasama und dem Tsukuba hergibt

Der Rohstoff für Kasama-yaki stammt aus dem verwitterten Granit, der die Hügel zwischen Kasama und dem Berg Tsukuba bildet. Aus dieser Zersetzung entsteht Gairome-Ton, wörtlich „Froschaugen-Ton“ – benannt nach den eingeschlossenen Quarzkörnchen, die im feuchten Zustand wie kleine Augen aus der Masse blicken. Dieser Ton ist ungewöhnlich plastisch und lässt sich auf der Scheibe weit und dünn ausziehen, was ihn für große Vorratsgefäße geradezu ideal machte. Vor allem aber enthält er viel Eisen. Es sorgt dafür, dass der Scherben ohne Glasur rotbraun bis dunkel ausbrennt und dass helle Glasuren darüber nie ganz rein wirken, sondern von unten her eingefärbt werden. Diese Wärme aus dem Material selbst ist einer der Gründe, warum Stücke aus Kasama miteinander verwandt wirken, obwohl ihre Machart völlig verschieden sein kann.

Von der Kaki-Glasur zu allem, was denkbar ist

In der Edo-Zeit arbeitete man in Kasama vor allem mit Kaki-yū, der „Kaki-Glasur“, benannt nach der rotbraunen Frucht der Kakipflaume: ein eisenhaltiges Rostrot, das über dem dunklen Scherben satt und ruhig steht. In der Meiji-Zeit kamen Ame-yū, die bernsteinfarbene „Karamellglasur“, sowie blaue Glasuren hinzu. Charakteristisch ist bis heute weniger ein bestimmter Farbton als eine Arbeitsweise: Glasuren werden übereinandergelegt, in Bahnen gegossen oder über die Schulter des Gefäßes laufen gelassen, sodass die Ränder ineinanderfließen und im Brand unvorhersehbare Übergänge entstehen. Wer die stille, unregelmäßige Anmutung von Wabi Sabi Keramik schätzt, findet sie hier eher in solchen Zufällen des Glasurauftrags als in einer bewusst rau belassenen Form. Den heutigen Werkstätten steht das gesamte Spektrum offen – von der Ascheglasur bis zur klar gefärbten Industrieglasur.

Kasama und Mashiko – zwei Orte, eine Geschichte

Gut zwanzig Kilometer nordwestlich, schon in der Präfektur Tochigi, liegt Mashiko, der bekanntere Nachbar. Beide Orte hängen unmittelbar zusammen: Ōtsuka Keizaburō (1828–1876) lernte als junger Mann am Kuno-Ofen in Kasama das Töpfern und errichtete 1853 in Mashiko den ersten Ofen – unterstützt von Tanaka Chōhei, einem Kasamaer Töpfer, den er von dort kannte. Was in Mashiko zunächst gebrannt wurde, waren dieselben Dinge: Teekannen, Reibschalen und Krüge für den Bedarf der Hauptstadt. Berühmt wurde Mashiko später durch die Mingei-Bewegung um Hamada Shōji, während Kasama seinen eigenen Weg ging. 2020 haben die japanischen Behörden beide Orte gemeinsam als Nihon Isan (Japanisches Kulturerbe) unter dem Titel „Kasamashiko“ ausgezeichnet und sie ausdrücklich als Geschwisterregionen beschrieben.

Der Bruch nach 1945

Für einen Ort, der von Vorratsgefäßen lebte, war die Nachkriegszeit eine Katastrophe. Kunststoffbehälter, Kühlschränke und veränderte Haushaltsgewohnheiten ließen den Bedarf an schweren Miso-Krügen und Reibschalen binnen weniger Jahre einbrechen; die Werkstätten gerieten in eine existenzielle Krise. Die Antwort kam nicht aus einer einzelnen Töpferfamilie, sondern von außen: 1950 richtete die Präfektur Ibaraki auf Wunsch der Branche ein staatliches Institut für Keramik ein, das Verfahren erprobte, Rezepturen prüfte und Nachwuchs ausbildete. 1956 schlossen sich acht Betriebe zur Kasamaer Keramikgenossenschaft zusammen. Beides zusammen verschob den Schwerpunkt weg vom anonymen Massenartikel hin zu Stücken, die eine Handschrift tragen – ein Übergang, den viele traditionsreichere Ofenorte nie so radikal vollzogen haben.

Wie aus einem Handwerksort ein offener Töpferort wurde

In den 1960er-Jahren traf diese Neuausrichtung auf den Mingei-Boom, der junge Leute in großer Zahl zum Töpfern brachte. Kasama reagierte mit etwas, das japanische Ofenorte selten tun: Es öffnete sich. Die Stadt legte ein Künstlerdorf an, 1963 eine Keramiksiedlung und 1972 eine Töpfersiedlung, und warb gezielt um Zuziehende. Wer kommen wollte, durfte kommen – unabhängig davon, aus welcher Familie jemand stammte, wo er gelernt hatte und in welchem Stil er arbeiten wollte. Anderswo entscheidet die Zugehörigkeit zu einer Töpferlinie darüber, wer dazugehört; in Kasama entschied sie das nicht. Heute arbeiten hier rund dreihundert Keramikerinnen, Keramiker und Werkstätten, und der weit überwiegende Teil der Betriebe wird von einzelnen Kunstschaffenden geführt statt von alteingesessenen Ofenfamilien.

Ein Priester, ein Tempelofen, ein Nationalschatz

Wie weit diese Offenheit reicht, zeigt die bekannteste Keramikerbiografie des Ortes. Matsui Kōsei (1927–2003) wurde in der Präfektur Nagano geboren, kam als Geistlicher nach Kasama und übernahm 1957 die Leitung des Tempels Gessōji. Erst 1960 baute er sich auf dem Tempelgelände einen Ofen und begann, sich einer Technik zu widmen, die in Japan damals kaum noch jemand ausübte: Neriage, dem Schichten und Verdrehen verschieden gefärbter Tone zu Mustern, die nicht auf der Oberfläche liegen, sondern durch die ganze Wandstärke hindurchgehen. 1993 wurde er dafür als Ningen Kokuhō, als „Lebender Nationalschatz“, anerkannt. Ein zugezogener Tempelpriester ohne Töpferfamilie im Rücken, der zum berühmtesten Keramiker Kasamas wurde – eine treffendere Illustration für den Charakter dieses Ortes lässt sich schwer finden.

Das Töpferfest im Kunstwald

Wer Kasama in seiner ganzen Bandbreite sehen will, kommt zum Himatsuri, dem „Feuerfest“ der Keramik. Angefangen hat es 1982 als kleines Experiment: 36 Werkstätten stellten auf einer Brache im Künstlerdorf ihre Ware rund um selbst gebaute Feldöfen aus, Vorbild waren amerikanische Kunstmessen. Heute füllt der Markt während der Goldenen Woche, vom 29. April bis zum 5. Mai, das Festgelände im Kasamaer Kunstwaldpark; etwa zweihundert Werkstätten und Einzelkeramiker verkaufen dort direkt, ohne Zwischenhandel. Für Besucher ist das die vielleicht ehrlichste Art, den Ort zu verstehen: Man steht vor zweihundert Ständen und sieht auf den ersten Blick, dass es den einen Kasama-Stil nicht gibt. Im selben Park zeigt das Keramikmuseum der Präfektur Ibaraki moderne japanische Keramik.

Woran sich ein Stück ohne Stilkanon beurteilen lässt

Weil bei Kasama-yaki kein Stilkanon die Einordnung übernimmt, verschiebt sich der Blick vom Herkunftsetikett auf das einzelne Objekt – und das ist ein guter Maßstab für japanische Keramik überhaupt. Nehmen Sie ein Gefäß in die Hand und achten Sie darauf, wie sich das Gewicht verteilt: Ein auf der Scheibe gezogenes Stück wird zum Rand hin leichter, ein gegossenes bleibt überall gleich dick. Sehen Sie sich den unglasierten Ring an, auf dem das Gefäß steht; dort zeigt sich der nackte Scherben mit seiner Färbung und der Spur des Abdrehmessers. Und suchen Sie die Stellen, an denen die Glasur dünner läuft oder sich in einer Mulde sammelt. Wer handgefertigte japanische Keramik als Unikat sucht, findet in diesen drei Details verlässlichere Hinweise als in jedem Ofennamen.

Vom Vorratskrug zur Handschrift

Fast zwei Jahrhunderte lang war Kasama ein Ort, der Dinge herstellte, die niemand betrachtete: Krüge, in denen Miso reifte, Schalen, in denen Sesam zerrieben wurde. Dass daraus ein Platz für sehr persönliche, freie Keramik werden konnte, lag nicht zuletzt daran, dass dort niemand einen Stil zu verteidigen hatte. Genau diese Haltung – das Stück zählt, nicht das Etikett – prägt auch die Auswahl bei densho.de: handgetöpferte Chawan (Teeschalen), Guinomi (Sake-Schalen), Tokkuri (Sake-Flaschen) und Vasen aus verschiedenen japanischen Ofenregionen, jedes Stück einzeln aus Japan bezogen und von einem Menschen geformt. Wer japanische Keramik kaufen möchte, sollte ein Gefäß deshalb zuerst in die Hand nehmen und erst danach auf den Namen schauen. Entdecken Sie in unserer Auswahl an japanischer Keramik die Stücke, bei denen sich dieser zweite Blick besonders lohnt.

Quellen und Literatur

Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): KASAMA Yaki (Pottery), kougeihin.jp.

Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): SHIGARAKI Yaki (Pottery), kougeihin.jp.

Richard L. Wilson: Inside Japanese Ceramics. A Primer of Materials, Techniques, and Traditions. Weatherhill, New York 1995.