Mashiko-Yaki – wo japanisches Gebrauchsgeschirr zur Kunst wurde
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Etwa hundert Kilometer nördlich von Tokio liegt ein Ort, dessen Name unter Keramikliebhabern weltweit einen besonderen Klang hat – obwohl dort jahrzehntelang nichts weiter entstand als Küchengeschirr: Wasserkrüge, Vorratstöpfe, Teller, Reibschalen. Der Ton war grob, die Glasuren dunkel und dick aufgetragen, die Formen schwer. Erst im 20. Jahrhundert wurde aus dieser unspektakulären Produktion etwas anderes. Mashiko wurde zu dem Ort, an dem japanische Gebrauchskeramik zum bewussten ästhetischen Programm wurde – und von dem aus die Überzeugung, dass in einer schlicht gedrehten Schale mehr Schönheit stecken kann als in jedem Prunkstück, über England bis nach Europa gelangte.
Was ist Mashiko-Yaki?
Mashiko-yaki (益子焼) ist eine japanische Steingut-Keramik aus der Kleinstadt Mashiko in der Präfektur Tochigi, im nördlichen Kantō. Ihre Geschichte beginnt 1853, als der Töpfer Ōtsuka Keizaburō dort einen Ton fand, der sich gut für Gefäße eignete. Dieser Ton ist reich an Kieselsäure und Eisen, deutlich sandig und grobkörnig; dünn ausziehen lässt er sich kaum, weshalb Mashiko-Ware traditionell dickwandig und schwer ausfällt. Charakteristisch sind kräftige, aus örtlichen Rohstoffen gewonnene Glasuren – allen voran die rotbraune Kaki-Glasur (Persimonen-Glasur), das milchig-weiße Nuka (Reisspelzenasche-Glasur) und das glänzend toffeebraune Ame (Bonbon-Glasur). Seit 1979 ist Mashiko-yaki als Dentōteki Kōgeihin registriert, als staatlich anerkanntes traditionelles Kunsthandwerk. Hergestellt wird bis heute vor allem, was man täglich in die Hand nimmt: Schalen, Teller, Becher, Vasen und Sakegefäße.
Ein Töpfer aus Kasama findet den richtigen Ton
Ōtsuka Keizaburō, der als Begründer von Mashiko-yaki gilt, hatte sein Handwerk im benachbarten Kasama gelernt, in der damaligen Provinz Hitachi, dem heutigen Ibaraki. 1853 nahm er in Mashiko die Produktion auf. Der örtliche Lehnsherr förderte das junge Gewerbe: Ōtsuka wurde zum offiziellen Töpfer bestellt, und wer sich neu an der Keramikherstellung versuchte, konnte mit finanzieller Unterstützung rechnen. Weitere Töpfer kamen aus Kasama hinzu. Was sie herstellten, war ausdrücklich kein Kunsthandwerk, sondern Massenbedarf: Wasserkrüge, Vorratsgefäße, Reibschalen, Teller und Schüsseln, die nach Edo geliefert wurden, dem späteren Tokio. Gegen Ende der Meiji-Zeit lebten in Mashiko bereits mehr als fünfzig Haushalte von der Töpferei. Die enge Verwandtschaft mit Kasama ist bis heute spürbar; beide Orte werden häufig in einem Atemzug genannt. Das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke nennt Kasama-yaki ausdrücklich als Ausgangspunkt: Mashiko-yaki beginne Mitte des 19. Jahrhunderts unter dessen Einfluss, gefördert vom Lehen, und seine Ware sei in den Küchen Edos in Gebrauch gewesen.
Der Ton von Ōtsuzawa und was er zulässt
Der Rohstoff prägt diese Keramik stärker als bei den meisten anderen japanischen Traditionen, denn in Mashiko wird der Ton üblicherweise ohne Zusätze verarbeitet. Er stammt vor allem aus dem Ortsteil Ōtsuzawa und den umliegenden Hügeln, ist reich an Kieselsäure und Eisenverbindungen und enthält so viel feinen Sand, dass er sich rau und wenig geschmeidig anfühlt. Damit er sich überhaupt drehen lässt, muss er lange aufbereitet und geschlagen werden. Filigrane, dünnwandige Formen im Sinne der Porzellantraditionen erlaubt er nicht – dafür ist er ausgesprochen feuerfest und ergibt Gefäße mit spürbarem Gewicht, die satt in der Hand liegen und deren Fuß eine körnige, fast sandige Oberfläche behält. Genau diese ruhige Schwere und die leicht unregelmäßige Haut sind es, die viele Sammlerinnen und Sammler im deutschsprachigen Raum meinen, wenn sie nach Wabi Sabi Keramik suchen.
Kaki, Nuka und Ame – Glasuren aus der Umgebung
So örtlich wie der Ton sind auch die Glasuren. Die bekannteste ist Kaki, die „Persimonen-Glasur“: Sie wird aus Ashinuma-Stein gewonnen, einem eisenreichen Tuffgestein aus der Region, und brennt zu einem satten Rotbraun aus, das an die Farbe reifer Kakifrüchte erinnert. Ihr gegenüber steht Nuka, eine milchig-weiße, fast opalisierende Ascheglasur, deren Grundlage die Asche von Reisspelzen und Reisstroh aus der Ernte bildet. Ame, die „Bonbon-Glasur“, verdankt ihren Namen dem transparenten, glänzenden Toffeebraun, das durch einen Zusatz von Mangan entsteht. Dazu kommen ein grünliches Seladon und ein kobaltblauer Ton. Insgesamt arbeitet man in Mashiko traditionell mit einer überschaubaren Zahl von Grundglasuren, deren Farbkraft von Eisen, Kupfer, Mangan, Kobalt und Chrom herrührt; aufgetragen werden sie gegossen, getaucht oder mit breiten Pinseln, nicht selten aus Hundehaar.
1924 zieht Hamada Shōji nach Mashiko
Die Wende kam mit einem Zugezogenen. Hamada Shōji (1894–1978), ausgebildeter Keramiker aus dem heutigen Kanagawa, war 1920 gemeinsam mit dem britischen Töpfer Bernard Leach nach England gegangen und hatte in St Ives in Cornwall eine Werkstatt mit ostasiatischem Kammerofen aufgebaut. 1923 kehrte er nach Japan zurück, und 1924 ließ er sich in Mashiko nieder – nicht in einem der berühmten Teekeramik-Zentren, sondern in einem Ort, der schweres Alltagsgeschirr herstellte. Genau darin lag die Entscheidung. Hamada arbeitete konsequent mit dem örtlichen Ton, den örtlichen Glasuren und mit Werkzeugen aus Bambus und Hundehaar, statt sich Material liefern zu lassen. Aus dieser Selbstbeschränkung entstand ein Werk von großer Ruhe: breite Schalen, gedrungene Vasen, Teller mit wenigen, rasch gesetzten Pinselzügen. 1955, im allerersten Jahrgang dieser Auszeichnung, wurde er zum Ningen Kokuhō ernannt, zum „Lebenden Nationalschatz“. Mashiko blieb bis zu seinem Tod sein Standort. Das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke datiert Hamadas prägenden Einfluss auf den Beginn seiner künstlerischen Laufbahn 1924 und führt weiße Engobe (Hakeme und Slip) bis heute unter den überlieferten Techniken des Ortes.
Mingei: die Schönheit des Gebrauchs
Hamada war damit nicht allein. Gemeinsam mit dem Philosophen Yanagi Sōetsu (1889–1961) und dem Töpfer Kawai Kanjirō prägte er 1925 den Begriff Mingei (Volkshandwerk), eine Kurzform von minshūteki kōgei. Dahinter stand eine für die damalige Zeit provozierende These: Die schönsten Dinge seien nicht die Prunkstücke berühmter Künstler für wohlhabende Auftraggeber, sondern die namenlos hergestellten Gebrauchsgegenstände einfacher Handwerker. Yanagi fasste das in den Begriff yō no bi, die „Schönheit des Gebrauchs“. Die Bewegung verstand sich ausdrücklich als Antwort auf die rasche Industrialisierung und Verwestlichung Japans. 1936 eröffnete in Tokio das Nihon Mingeikan, das Japanische Volkskunstmuseum, mit Yanagi als erstem Direktor. Für Mashiko bedeutete das eine vollständige Neubewertung: Was zuvor als billige Ware galt, wurde plötzlich als Maßstab betrachtet.
Über St Ives nach Europa
Die zweite Hälfte dieser Geschichte spielt in England. Bernard Leach (1887–1979), der in Japan zum Töpfer geworden war, blieb Hamada zeitlebens freundschaftlich verbunden; die beiden starben 1978 und 1979 im Abstand von wenigen Monaten. 1934 reiste Leach für rund fünfzehn Monate erneut nach Japan und lernte die dortigen Landtöpfereien aus nächster Nähe kennen. Sein 1940 erschienenes Buch „A Potter’s Book“ verband technische Anleitung mit einer regelrechten Weltanschauung und wurde für Generationen europäischer Töpfer zum Standardwerk. Über dieses Buch – und über die Werkstatt in St Ives, durch die zahllose Lehrlinge gingen – gelangten die Ideen von Mashiko und Mingei in die europäische Studiokeramik. Dass in Werkstätten zwischen Cornwall und Mitteleuropa Ascheglasuren gerührt und bewusst unregelmäßige Schalen geschätzt werden, hat viel mit dieser Verbindung zu tun.
Nach Hamada: Shimaoka Tatsuzō und das Erbe
Hamadas bekanntester Schüler war Shimaoka Tatsuzō (1919–2007). Nach seiner Lehrzeit eröffnete er 1953 in unmittelbarer Nachbarschaft seine eigene Werkstatt und entwickelte dort die Technik des Jōmon-Zōgan (Kordelabdruck-Einlage): Er rollte geflochtene Kordeln in den weichen Ton, füllte die Abdrücke mit weißem Schlicker und schuf so ein feines, textil wirkendes Muster, das an die Keramik der prähistorischen Jōmon-Zeit erinnert. 1996 wurde auch er zum Lebenden Nationalschatz ernannt – als zweiter Töpfer Mashikos nach seinem Lehrer. Hamadas Wohnhaus und seine Sammlung sind seit 1977 als Mashiko Sankokan öffentlich zugänglich. Er hatte darin Keramik, Lack, Holz, Metall und Textilien aus vielen Ländern zusammengetragen, die ihm als Anschauungsmaterial für die eigene Arbeit dienten.
Welche Gefäße in Mashiko entstehen
Das Repertoire ist bis heute vom Gebrauch her gedacht. Neben Yunomi (Teebechern ohne Henkel), Chawan (Teeschalen), Tellern und Schüsseln entstehen Vasen, Sakegefäße und große Vorratsgefäße. Geformt wird überwiegend auf der Töpferscheibe, daneben werden Platten aufgebaut und Formen genutzt. Auf einen Schrühbrand bei etwa 700 bis 800 Grad folgt der Glasurbrand bei rund 1.200 bis 1.300 Grad. Vor dem Glasieren tragen viele Werkstätten weißen Schlicker oder rasche Pinselzüge auf – eine Dekoration, die in Sekunden gesetzt wird und gerade deshalb nie zweimal gleich ausfällt. Zur Teezeremonie im engeren Sinne hat Mashiko-yaki ein entspannteres Verhältnis als etwa Raku- oder Hagi-Keramik; seine Stärke liegt im täglichen Tee, im Reis, im Sake. Wo Ton, Glasur und Feuer so wenig gebändigt werden, entsteht handgefertigte japanische Keramik als Unikat: Kein Brand wiederholt exakt den vorangegangenen, und schon die Stellung eines Gefäßes im Ofen entscheidet darüber, wie tief das Rotbraun der Eisenglasur ausfällt.
Der 11. März 2011 und der Wiederaufbau der Öfen
Das Tōhoku-Erdbeben vom 11. März 2011 traf auch die Präfektur Tochigi mit voller Wucht. In Mashiko stürzten nahezu alle Noborigama ein, die an Hänge gebauten Kammeröfen; Regale kippten, ganze Jahresproduktionen zerbrachen. Der Schaden für das Töpfergewerbe des Ortes wurde auf etwa 770 Millionen Yen geschätzt, ungefähr ein Fünftel des jährlichen Umsatzes, wovon rund 550 Millionen Yen allein auf die Instandsetzung der Anlagen entfielen. Was danach geschah, gehört zur Geschichte dieses Ortes inzwischen ebenso wie seine Glasuren: Töpferinnen und Töpfer aus Japan und aus dem Ausland kamen, um beim Wiederaufbau der Öfen zu helfen. Manche Kammeröfen wurden von Grund auf neu gemauert.
Heute wird die Zahl der aktiven Werkstätten in Mashiko meist mit rund 250 angegeben. Zweimal im Jahr, während der Golden Week Ende April und Anfang Mai sowie um den 3. November, verwandelt der Töpfermarkt Mashiko Tōki Ichi den Ort in eine einzige Verkaufsfläche: Zu den etwa fünfzig ständigen Läden kommen mehrere hundert Zelte, und die Besucherzahlen werden in der Größenordnung einer halben Million genannt. Zurückverfolgen lässt sich der Markt bis ins Jahr 1966.
Eine Haltung, die sich in die Hand nehmen lässt
Wer eine schlicht gedrehte, kräftig glasierte Schale in die Hand nimmt, versteht schneller als über jeden Text, worum es der Mingei-Bewegung ging: um Dinge, die benutzt werden wollen und dabei schöner werden. Diese Haltung ist in den Werkstätten Japans nie verloren gegangen – in den älteren Ofenlandschaften des Landes so wenig wie in Mashiko. Bei densho.de finden Sie handgefertigte japanische Keramik-Unikate, in denen sich genau diese Verbindung aus Alltagstauglichkeit und stiller Form zeigt: Teeschalen, Sakegefäße und Vasen, jedes Stück einzeln aus Japan bezogen und von einer Töpferhand geformt. Wer japanische Keramik kaufen möchte, die nicht nach Serie aussieht, sondern nach Werkstatt, findet in unserer Auswahl Stücke, an denen sich Ton, Glasur und Feuer noch ablesen lassen.
Quellen und Literatur
Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): MASHIKO Yaki (Pottery), kougeihin.jp.
Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): KASAMA Yaki (Pottery), kougeihin.jp.
Victoria and Albert Museum, London: Pair of spouted bowls, Tao Akiko, Inv.-Nr. FE.17 & 18-2009, collections.vam.ac.uk.
Richard L. Wilson: Inside Japanese Ceramics. A Primer of Materials, Techniques, and Traditions. Weatherhill, New York 1995.