Kyoto-Yaki – Die Keramik einer Stadt, nicht eines einzigen Ofens
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Wer die japanische Keramik nach Regeln ordnet, kommt bei den meisten Traditionen gut voran: Bizen brennt ungeglasiert im Holzofen, Hagi trägt sein feines Rissnetz, Shino sein dickes, poriges Weiß. Bei Kyō-yaki versagt dieser Zugriff. Eine leuchtend gelbe Teeschale mit aufgemalten Blüten, ein rotbrauner Sakebecher mit goldenem Zweig, ein hauchdünnes Porzellanschälchen mit chinesisch inspiriertem Dekor – alle drei dürfen mit gleichem Recht Kyoto-Keramik heißen. Was sie verbindet, ist weder ein Ton noch eine Glasur noch ein Brennverfahren, sondern eine Adresse: die Werkstätten am Osthang der alten Hauptstadt, wo jahrhundertelang der Hof, die großen Klöster und die Teemeister die anspruchsvollste Kundschaft Japans stellten.
Was ist Kyoto-Yaki?
Kyō-yaki (京焼), wörtlich „in der Hauptstadt Gebranntes“, ist der Sammelbegriff für alle Keramik und Porzellanware, die in der Stadt Kyoto entsteht. Damit ist es die einzige der großen japanischen Keramikgattungen, die sich nicht über ein Verfahren, sondern allein über ihren Herstellungsort bestimmt. Unter dem Begriff versammelten sich historisch mehrere eigenständige Ofenbezirke: Awata-yaki in Awataguchi, Omuro-yaki nahe dem Tempel Ninna-ji, dazu Yasaka-yaki, Mizoro-yaki und schließlich Kiyomizu-yaki an den Hängen unterhalb des Kiyomizu-dera. Verbindliche Vorgaben zu Ton, Glasur oder Brenntemperatur existieren nicht – gearbeitet wird mit dem, was der Entwurf verlangt. Seit 1977 ist das Handwerk vom japanischen Staat als traditionelles Kunsthandwerk anerkannt, und zwar unter einem doppelten Namen: Kyō-yaki · Kiyomizu-yaki.
Eine Stadt, die ihren Ton einführen muss
Ein nüchternes Detail erklärt an dieser Keramik erstaunlich viel: Kyoto verfügt über keine nennenswerten eigenen Tonlager. Brauchbarer Töpferton wird seit langem aus anderen Regionen Japans bezogen und in der Werkstatt zu eigenen Mischungen verarbeitet, oft aus Kaolin, Kibushi-Ton, Quarz und Feldspat. Wo Bizen oder Shigaraki ihren Charakter dem Material vor der Haustür verdanken, musste Kyoto seinen Rang anders begründen – über Formgebung, Glasurchemie und Dekor. Genau dort liegt der Schwerpunkt bis heute: in der gleichmäßig gedrehten Wandung, im sauber geschnittenen Kōdai (Fußring), in Farbe, die nicht zufällig aus dem Feuer kommt, sondern mit dem Pinsel aufgetragen wird. Wer Kyoto Keramik kaufen möchte, erwirbt deshalb selten das Werk des Zufalls und fast immer das Werk einer geübten Hand.
Die Ofenbezirke am Osthang der Stadt
Getöpfert wurde im Kyotoer Becken seit sehr früher Zeit, doch die Bezirke, die den Namen Kyō-yaki prägen sollten, treten erst um 1600 hervor. Als eine der ersten schriftlichen Erwähnungen gilt ein Eintrag des Kaufmanns und Teeliebhabers Kamiya Sōtan aus dem Jahr 1605, in dem von Teegerät aus der Hauptstadt die Rede ist. 1624, so die Überlieferung, errichtete ein aus Seto zugewanderter Töpfer in Awataguchi einen Ofen – dieses Datum gilt traditionell als Beginn des Awata-yaki. Entscheidend war die Verbreitung des Noborigama (an den Hang gebauter Kammerofen), der höhere und gleichmäßigere Temperaturen erlaubte. Awataguchi im Nordosten, Otowa und das später Gojōzaka genannte Viertel am Aufstieg zum Kiyomizu-dera wurden so zu den drei großen Ofenlagen der Stadt, ergänzt um kleinere Brennstätten bei Tempeln und Villen.
Nonomura Ninsei und die Farbe über der Glasur
Der Wendepunkt trägt einen Namen: Nonomura Ninsei, tätig in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. 1647 errichtete er in Omuro, unmittelbar vor den Toren des Tempels Ninna-ji, seinen Ofen; sein Künstlername verbindet die Silbe „nin“ aus dem Tempelnamen mit „sei“ aus seinem eigenen. Ninsei galt als außergewöhnlich sicherer Dreher, doch berühmt wurde er für etwas anderes: Er übertrug die farbige Aufglasurmalerei, die man bis dahin vor allem vom Porzellan kannte, auf gedrehte Steinzeug-Teekeramik. Auf seinen Cha-tsubo (Teeblattgefäßen) und Chaire (Teedosen) erscheinen Blüten, Landschaften und Goldakzente in einer Dichte, die zuvor kein japanisches Teegerät zeigte. Unterstützung fand er beim einflussreichen Teemeister Kanamori Sōwa (1584–1658), der ihm den Zugang zur höfisch geprägten Teewelt der Hauptstadt öffnete.
Ogata Kenzan und das Gefäß als Bildträger
Ninseis bekanntester Schüler war Ogata Kenzan (1663–1743), Sohn einer wohlhabenden Kyotoer Textilhändlerfamilie. 1699 richtete er im Gebiet Narutaki nordwestlich der Stadt seinen eigenen Ofen ein, 1712 verlegte er die Werkstatt in das Stadtviertel Nijō. Kenzan interessierte weniger die perfekte Form als die Fläche: Er behandelte Schalen, Teller und Deckeldosen wie Papier, überzog sie mit Engobe und malte darauf Gräser, Pflaumenzweige oder Verse in kalligrafischer Schrift. Zahlreiche Stücke entstanden in Zusammenarbeit mit seinem älteren Bruder, dem Maler Ogata Kōrin (1658–1716), einer Leitfigur der Rinpa-Schule – der Bruder malte, Kenzan brannte und signierte. Diese Verbindung von Malerei, Literatur und Gefäß blieb für die Kyotoer Keramik prägend. Das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke nennt Ninsei und Kenzan gemeinsam als die herausragenden Töpfer, die Kyoto im 17. Jahrhundert hervorbrachte.
Okuda Eisen und der Weg zum Porzellan
Bis ins 18. Jahrhundert arbeiteten die Kyotoer Öfen fast ausschließlich in Steinzeug. Das änderte Okuda Eisen (1753–1811), dem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts als Erstem in Kyoto die Porzellanherstellung gelang; er orientierte sich dabei an chinesischen Vorbildern der Ming-Zeit. Aus seinem Umkreis ging eine Generation hervor, die den Ruf der Stadt weit über Japan hinaus festigte: Aoki Mokubei (1767–1833), Nin’ami Dōhachi (1783–1855) und Kinkōdō Kamesuke, dazu Kiyomizu Rokubei I. (1738–1799), der seine Werkstatt am Gojōzaka betrieb, und Eiraku Hozen (1795–1854), berühmt für Kinrande (Porzellan mit Golddekor auf farbigem Grund). Sie kopierten chinesische und koreanische Vorbilder nicht bloß, sondern deuteten sie um – und trugen ihr Wissen später auch in andere Regionen Japans. Das japanische Register der traditionellen Kunsthandwerke führt dieselbe Reihe: Eisen sei im 19. Jahrhundert der Porzellanbrand gelungen, danach hätten Meister wie Mokubei, Hozen und Ninnami das Feld bestimmt.
Kiyomizu-yaki – der Name, der übrig blieb
Warum spricht man heute meist im Doppel von Kyō-yaki und Kiyomizu-yaki? Kiyomizu-yaki bezeichnete ursprünglich nur die Ware aus dem Gebiet um Gojōzaka, die steile Gasse, die zum Tempel Kiyomizu-dera hinaufführt. In der Meiji-Zeit wuchsen die dortigen Öfen mit denen des benachbarten Bezirks zusammen, während die übrigen Kyotoer Brennlagen nach und nach eingingen. Das Awata-yaki etwa stellte sich nach 1868 ganz auf den Export um und verkaufte reich vergoldete Ware nach Europa und Amerika, verlor aber im 20. Jahrhundert seinen Markt. Übrig blieb der Name Kiyomizu-yaki, der damit fast zum Synonym für die gesamte Kyotoer Keramik wurde. Streng genommen ist Kiyomizu-yaki also eine Teilmenge von Kyō-yaki – im heutigen Sprachgebrauch werden beide Begriffe meist gleichbedeutend verwendet.
Warum die Nähe zum Hof den Ausschlag gab
Über tausend Jahre war Kyoto die Residenz des Tennō, Sitz der großen Tempel und Zentrum der Teekultur. Für die Töpfer bedeutete das eine Kundschaft, die Vergleiche zog: Wer hier verkaufen wollte, stand neben Lackarbeiten, Brokaten, Malerei und importiertem chinesischem Porzellan. Bestellt wurden keine Massen, sondern einzelne Stücke für einen bestimmten Anlass, eine bestimmte Teerunde, eine bestimmte Jahreszeit. Diese Auftragslage erklärt die Eigenheiten der Gattung besser als jede Technik: kleine Stückzahlen, hoher Aufwand pro Objekt, ein ausgeprägtes Bewusstsein für Saisonmotive – und die Gewohnheit, praktisch jedes Stück mit Töpfermarke oder Siegel zu versehen und in einer beschrifteten Holzkiste auszuliefern. In Kyoto war Keramik nie anonym.
Vielfalt als eigentliches Erkennungsmerkmal
Der Versuch, Kyō-yaki an einer Oberfläche zu erkennen, führt in die Irre. In den Werkstätten der Stadt finden sich sattgelbe und tiefblaue Aufglasurfarben ebenso wie schlichte Aschglasuren, feines Craquelé, weißer Überzug, Goldmalerei oder unglasierte Partien am Fuß. Fachleute beschreiben Kyō-yaki deshalb gern als eine Verschmelzung aller Techniken: Chinesisches, Koreanisches und Japanisches wurde aufgenommen, geprüft und mit eigener Handschrift weitergeführt. Das Erkennungsmerkmal liegt eine Ebene tiefer – in der Sorgfalt. Ein dünn ausgezogener, exakt runder Rand, eine Glasur, die genau an der gewollten Linie endet, ein Dekor, das die Wölbung des Gefäßes mitdenkt. Wer eine japanische Teeschale kaufen will und dabei auf Kyotoer Arbeit stößt, merkt das meist zuerst am Rand, nicht an der Farbe.
Vom Rauch der Hangöfen nach Yamashina
Die Öfen am Gojōzaka standen mitten in einem dicht bebauten Wohnviertel, und der Rauch der Noborigama wurde im 20. Jahrhundert zum Problem. Ab den 1960er-Jahren verlagerten viele Betriebe ihre Produktion in einen eigens angelegten Werkstattbezirk im Stadtteil Yamashina, jenseits des Otowa-Berges, der bis heute Kiyomizu-yaki-Danchi heißt; weitere Werkstätten siedelten sich im Gebiet Sumiyama in Uji an. Mit dem Inkrafttreten der Umweltschutzverordnung der Präfektur Kyoto 1971 kam der Betrieb der letzten Hangöfen zum Erliegen. Gebrannt wird heute überwiegend mit Gas und Strom – doch das Verfahren blieb ein handwerkliches: kleine Serien, oft neunstufig von der Tonaufbereitung über Rohbrand, Unterglasurzeichnung und Glasurbrand bis zum abschließenden Aufglasurbrand. Der Weg von Gojōzaka nach Yamashina hat die Kyotoer Keramik verlagert, nicht industrialisiert.
Ein Stück Hauptstadt in der Hand
Nehmen Sie eine Kyotoer Teeschale auf, und Sie spüren zuerst das Gewicht: leichter, als sie aussieht, weil die Wandung sauber ausgedreht ist. Dann den Rand, der sich glatt an die Lippe legt. Und erst danach fällt der Blick auf das Dekor – die Blüte, die genau dort sitzt, wo die Schale sich zum Fuß hin verjüngt, oder das Schriftzeichen, das ein Stichwort aus einem Gedicht aufgreift. Bei densho.de finden Sie handgefertigte Chawan (Teeschalen), Guinomi (Sakeschälchen) und Tokkuri (Sakeflaschen) aus japanischen Werkstätten, jedes Stück einzeln aus Japan bezogen und in seiner signierten Holzkiste geliefert. Wer Kyoto-Yaki kaufen möchte, sollte weniger nach einem Stil suchen als nach dem Stück, das die eigene Hand überzeugt – so, wie es die Käufer in der alten Hauptstadt seit vierhundert Jahren halten.
Quellen und Literatur
Traditional Crafts Aoyama Square (japanisches Register der traditionellen Kunsthandwerke): KYO-KIYOMIZU Yaki (Ceramics), kougeihin.jp.
Nicole Coolidge Rousmaniere: Vessels of Influence. China and the Birth of Porcelain in Medieval and Early Modern Japan. Bristol Classical Press, London 2012.
Richard L. Wilson: Inside Japanese Ceramics. A Primer of Materials, Techniques, and Traditions. Weatherhill, New York 1995.