Oribe-Yaki – Das grüne Aufbegehren der japanischen Teekeramik
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Ende des 16. Jahrhunderts brach in der japanischen Teekeramik etwas auf, das man dort bis dahin kaum kannte: laute Farbe, schiefe Formen, ein fast übermütiger Witz. Wo die Schalen der vorangegangenen Generation braun, grau und streng zurückgenommen waren, tauchten plötzlich Gefäße auf, die ein tiefes, glasig ablaufendes Kupfergrün überzog. Ihre Ränder wirkten aus der Kreisform gedrückt, ihre Wandungen trugen geometrische Muster, wie sie eher zu einem Stoffdruck als zu einer Teeschale passen. Diese Keramik trägt bis heute den Namen eines Mannes, der als Krieger diente und als Teemeister berühmt wurde: Oribe-yaki.
Was ist Oribe-Yaki?
Oribe-yaki (織部焼) ist eine japanische Steinzeugkeramik aus der Region Mino in der heutigen Präfektur Gifu, die vor allem zwischen etwa 1600 und den 1630er-Jahren entstand. Ihr Erkennungszeichen ist eine kupferhaltige, tiefgrüne Glasur, die nicht flächig aufgetragen, sondern partienweise über das Gefäß gegossen wird und dabei in Bahnen und Tropfen abläuft. Daneben stehen helle, mit weißer Engobe (dünnflüssiger Tonschlicker) überzogene oder frei gelassene Zonen, auf die mit Eisenoxid geometrische und stark abstrahierte pflanzliche Muster gemalt sind. Charakteristisch sind außerdem bewusst verzogene, asymmetrische Formen. Oribe-yaki zählt neben Shino, Ki-Seto und Setoguro zu den vier großen Ausprägungen der Mino-Keramik; benannt ist es nach dem Teemeister Furuta Oribe (1544–1615). Das Metropolitan Museum of Art führt seine Stücke dieser Gruppe als Mino-Ware vom Oribe-Typ und beschreibt das Material als Steinzeug mit Eisenbraun unter transparenter Glasur und kupfergrüner Glasur.
Furuta Oribe: Krieger, Teemeister, Namensgeber
Furuta Oribe wurde 1544 als Furuta Shigenari in Motosu in der Provinz Mino geboren – also genau in jener Region, in der später die nach ihm benannte Keramik gebrannt wurde. Er diente als Gefolgsmann zunächst Oda Nobunaga, dann Toyotomi Hideyoshi und wurde zugleich Schüler des Teemeisters Sen no Rikyū. Nach dessen erzwungenem Tod im Jahr 1591 galt Oribe als der führende Teemeister Japans. Er unterrichtete den Shōgun Tokugawa Hidetada, begründete mit dem Oribe-ryū eine eigene Teeschule, und zu seinen Schülern zählten so einflussreiche Gestalter wie Kobori Enshū und Hon’ami Kōetsu. Auch eine bis heute gebräuchliche Form der steinernen Gartenlaterne, die Oribe-dōrō, geht auf ihn zurück. Wie unmittelbar er die Töpfer in Mino tatsächlich anleitete, ist in der Forschung allerdings umstritten – gesichert ist vor allem, dass sein Geschmack den Stil geprägt hat. Wofür diese Keramik gedacht war, führen Sammlungsbestände wie das sechsteilige Mukōzuke-Set des Metropolitan Museum of Art vor Augen: Beilagenschalen für das Kaiseki-Mahl der Teezusammenkunft.
Der Bruch mit der Ästhetik Sen no Rikyūs
Rikyūs Teeideal war die Reduktion: schlichte, dunkle Schalen, gedämpfte Farben, eine Schönheit, die sich aus dem Verzicht speist. Oribe ging den umgekehrten Weg. Er suchte nicht die Stille, sondern die Bewegung – und er erreichte sie, indem er die Regelmäßigkeit gezielt aufbrach. Ränder wurden eingedrückt, Wandungen schief gezogen, Glasurfelder mitten im Muster abgebrochen. Im Teetagebuch des Kaufmanns Kamiya Sōtan findet sich im Jahr 1599 die früheste bekannte schriftliche Erwähnung einer solchen Schale; er beschreibt sie mit dem Wort hyōge (verschroben, verzogen, spaßig). Was heute wie ein Tadel klingt, benannte damals eine Mode, die die Teewelt im Sturm nahm. Oribes Haltung wird deshalb oft als kalkuliertes Zerbrechen der Form beschrieben: Das Unvollkommene entsteht hier nicht zufällig im Feuer, sondern wird von der Hand des Töpfers absichtlich herbeigeführt.
Woher das Kupfergrün kommt
Die grüne Glasur des Oribe-yaki verdankt ihre Farbe dem Kupfer, das meist als Kupferoxid oder Kupferkarbonat in eine Asche-Feldspat-Glasur eingerührt wird. Entscheidend ist dabei nicht nur das Rezept, sondern die Ofenatmosphäre: Nur bei oxidierender Brandführung, also bei reichlichem Sauerstoffangebot, bleibt das Kupfer in jener Form, die das satte Grün hervorbringt. Wird derselbe Ansatz reduzierend gebrannt, kippt die Farbe ins Rote. Die Brandtemperatur liegt bei etwa 1.220 Grad Celsius, und das Fenster zwischen dem Aufschmelzen der Glasur und dem Verdampfen des Kupfers ist schmal. Aufgetragen wird die Glasur nicht mit dem Pinsel, sondern gegossen oder geschöpft – deshalb läuft sie, staut sich an Kanten und bildet jene dunklen, fast schwarzen Ränder, an denen sich der Stil sofort erkennen lässt. Wer Oribe Keramik kaufen möchte, findet genau in diesen ungleichmäßig ablaufenden Glasurbahnen das verlässlichste Merkmal.
Die Öfen von Motoyashiki
Möglich wurde diese Keramik durch eine technische Neuerung. Um 1605 gelangte aus der Karatsu-Region auf Kyūshū ein neuer Ofentyp nach Mino: der Renbōshiki Noborigama, ein an den Hang gebauter Kammerofen, dessen Brennkammern hintereinandergeschaltet sind. Er erlaubte höhere und vor allem gleichmäßigere Temperaturen als die älteren Großraumöfen – und damit eine verlässliche Farbentwicklung der heiklen Kupferglasur. Der Motoyashiki-Ofen im Stadtteil Kujiri von Toki gilt als der erste dieser Bauart in Mino und als Geburtsort des Oribe-yaki. Die Anlage umfasste vierzehn Kammern und maß über vierundzwanzig Meter; ihre Reste stehen seit 1967 als nationale historische Stätte unter Schutz. Neben der Töpferscheibe kam hier verstärkt das Formen über Model zum Einsatz, was die eckigen und mehrfach geknickten Gefäßformen erst praktikabel machte.
Geometrie unter der Glasur
Fast ebenso prägend wie das Grün ist die Malerei, die auf den freigelassenen Flächen sitzt. Sie wird vor dem Glasieren mit eisenhaltigem Pigment direkt auf den Scherben oder auf eine weiße Engobe aufgetragen und brennt zu einem warmen Braunschwarz aus. Die Motive wirken erstaunlich modern: Gitter, Rauten, Zickzackbänder, Kreissegmente und Schachbrettfelder, dazwischen radikal vereinfachte Gräser, Bambusblätter oder Netze. Vieles davon stammt aus der Welt der Textilmuster und Wappenzeichen, nicht aus der Bildmalerei – ein Grund, warum Oribe-Stücke auf europäische Betrachter oft überraschend zeitgenössisch wirken. Der Reiz liegt im Zusammenstoß: auf der einen Seite die exakt gezogene Geometrie, auf der anderen die unkontrolliert ablaufende Glasur, die sich um kein Muster kümmert.
Ao, Sō, Narumi: die Spielarten des Oribe
Innerhalb des Stils hat sich eine ganze Familie von Untertypen herausgebildet, deren Namen bis heute im Handel gebräuchlich sind. Ao-Oribe, „grünes Oribe“, ist die bekannteste Variante: Ein Teil des Gefäßes trägt die grüne Glasur, der Rest bleibt hell und wird bemalt. Sō-Oribe überzieht das gesamte Stück bis auf den Fuß mit Grün. Bei Narumi-Oribe werden ein heller und ein rötlicher Ton zu einem Gefäß zusammengefügt, sodass die Farbwirkung schon aus dem Scherben kommt, bevor Glasur und Malerei hinzutreten – das Metropolitan Museum of Art führt diesen Untertyp eigens als „Narumi Oribe type“, etwa bei einer Kanne mit Kirschblüten aus dem frühen 17. Jahrhundert. Aka-Oribe arbeitet mit rötlichem Ton und verzichtet meist ganz auf das Grün, E-Oribe stellt die eisenbraune Zeichnung in den Vordergrund. Kuro-Oribe und Oribe-guro schließlich setzen auf Tiefschwarz: Die Stücke werden noch glühend aus dem Ofen gezogen und rasch abgekühlt, wodurch die eisenhaltige Glasur schwarz erstarrt. Oribe-guro ist durchgehend schwarz, während Kuro-Oribe eine helle, bemalte Fläche ausspart.
Schalen, die aus der Form gedrückt sind
Die berühmteste Oribe-Form ist die Kutsu-gata-Chawan, die „schuhförmige“ Teeschale: ein Gefäß, dessen runder Rand nach dem Drehen bewusst oval oder dreieckig eingedrückt wurde, sodass es beim Trinken eine Vorder- und eine Rückseite bekommt. Daneben entstand ein ungewöhnlich breites Repertoire an Geschirr für das Teemahl: Mukōzuke (kleine Beistellschalen), Teller mit Bügelgriff, Räuchergefäße, Wasserbehälter, Teedosen und Vasen. Viele dieser Stücke sind eckig, gelappt oder gefächert und lassen sich kaum stapeln; Bequemlichkeit war erkennbar nicht das Ziel. Was für die großen Gefäße gilt, gilt für ihre kleinen Verwandten ebenso: Wer eine japanische Sakeschale kaufen will, die in der Hand nicht rund, sondern kantig und ein wenig widerspenstig liegt, ist bei dieser Tradition richtig.
Das Ende einer kurzen Mode
Die Blüte des Oribe-yaki währte nur wenige Jahrzehnte. Im Sommer 1615, unmittelbar nach dem Fall der Burg Osaka, wurde Furuta Oribe beschuldigt, mit der unterlegenen Toyotomi-Partei konspiriert zu haben; er und sein Sohn erhielten den Befehl zum Seppuku, dem rituellen Suizid. Ob es je zwingende Beweise für einen Verrat gab, ist bis heute umstritten. Mit dem Tod des Namensgebers verlor die Mode ihren wichtigsten Fürsprecher. Die Öfen in Mino brannten weiter, doch die Nachfrage schwand: Der Geschmack der frühen Edo-Zeit wandte sich ruhigeren, gemesseneren Formen zu, und nach den 1630er-Jahren spielte Oribe-yaki im Teeleben kaum noch eine Rolle. Über die folgenden Jahrhunderte geriet die Technik weitgehend in Vergessenheit.
Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert
Die Rückkehr des Oribe verdankt sich derselben Spurensuche, die auch Shino-yaki wieder ans Licht brachte. 1930 fand der Töpfer Arakawa Toyozō in den Bergen von Ōgaya im Gebiet Kukuri der Stadt Kani Keramikscherben der Momoyama-Zeit und wies damit nach, dass die berühmten alten Teekeramiken nicht in Seto, sondern in Mino gebrannt worden waren. Sein Fund richtete den Blick der Fachwelt auf die gesamte verschüttete Ofenlandschaft der Region – auf Shino ebenso wie auf Setoguro, Ki-Seto und Oribe. Arakawa wurde 1955 als Ningen Kokuhō, als „Lebender Nationalschatz“, ausgezeichnet. Auch Kitaōji Rosanjin, in dessen Werkstatt Arakawa zeitweise gearbeitet hatte, griff die Oribe-Formensprache auf. Heute wird in den Töpferstädten Toki, Tajimi, Mizunami und Kani wieder in allen Mino-Traditionen gearbeitet; seit 1978 ist die Mino-Keramik offiziell als traditionelles japanisches Kunsthandwerk anerkannt.
Eine Schale, die widerspricht
Ein Oribe-Gefäß in der Hand zu halten ist ein eigentümliches Erlebnis: Der Scherben am Fuß ist warm gefärbt und leicht rau, die grüne Glasur fühlt sich glasig und kühl an, und dazwischen liegt eine Kante, die dort nicht sein müsste. Man merkt schnell, an welcher Stelle das Gefäß gehalten werden will – nicht weil eine Regel es vorschreibt, sondern weil die Form es nahelegt. Bei densho.de finden Sie handgefertigte japanische Keramik-Unikate, die diese Lust am Eigensinn weitertragen, jedes Stück einzeln aus Japan bezogen. Wer eine japanische Teeschale kaufen möchte, die nicht gefällig, sondern eigenwillig ist, findet in unserer Auswahl Gefäße, an denen der Blick hängen bleibt – so wie sich das Kupfergrün seit vierhundert Jahren an den Kanten der Schalen staut.
Quellen und Literatur
The Metropolitan Museum of Art: Covered Vessel (Futamono) with Plum Tree, Acc.-Nr. 2023.731a, b, metmuseum.org.
The Metropolitan Museum of Art: Ewer (Suichū) with Cherry Blossoms and Picnic Curtain, Acc.-Nr. 2015.300.270a–c, metmuseum.org.
The Metropolitan Museum of Art: Set of Six Side Dishes (Mukōzuke) for Tea Gathering Meal (Cha-kaiseki), Acc.-Nr. 1975.268.437, metmuseum.org.
Richard L. Wilson: Inside Japanese Ceramics. A Primer of Materials, Techniques, and Traditions. Weatherhill, New York 1995.