Karatsu-Yaki – Japans dritte Teeschale und ihr erdiger Ton
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Wer in Westjapan früher von „Karatsumono“ sprach, meinte damit nicht unbedingt Keramik aus Karatsu, sondern Keramik überhaupt. Der Name der kleinen Hafenstadt an der Nordküste Kyūshūs wurde zum Sammelbegriff für Geschirr, weil über ihren Hafen jahrzehntelang ein großer Teil der westjapanischen Töpferware verschifft wurde. Was dort gebrannt wurde, war zunächst nichts Kostbares: Schalen, Krüge und Vorratsgefäße für den täglichen Gebrauch, aus grobem, eisenhaltigem Ton, sparsam glasiert, schnell gedreht. Gerade diese Sachlichkeit machte Karatsu-yaki für die Teemeister der Momoyama-Zeit interessant – und sie hat der Ware bis heute einen festen Platz unter den am höchsten geschätzten Keramiktraditionen Japans gesichert.
Was ist Karatsu-Yaki?
Karatsu-yaki (唐津焼) ist eine japanische Steinzeugkeramik aus der Stadt Karatsu und ihrem Umland in der heutigen Präfektur Saga im Norden der Insel Kyūshū. Sie entstand im späten 16. Jahrhundert unter starkem Einfluss koreanischer Töpfertechnik, wird aus grobem, eisenhaltigem Ton geformt und in einem Noborigama (an einen Hang gebauter Kammerofen) bei etwa 1.250 bis 1.300 Grad Celsius gebrannt. Charakteristisch sind erdige Braun-, Grau- und Weißtöne, sichtbare Spuren der Drehscheibe und eine bewusst zurückhaltende Glasurführung, die den Ton nie ganz verschwinden lässt. Neben Raku- und Hagi-yaki gehört Karatsu-yaki zu den drei in der Teezeremonie am höchsten geschätzten Keramiktraditionen Japans. 1988 wurde die Ware als Dentōteki Kōgeihin, als staatlich anerkanntes traditionelles Kunsthandwerk, eingetragen. Hergestellt wird sie längst nicht mehr nur in Karatsu selbst: Auch im benachbarten Imari und im Umland von Takeo entstanden früh Öfen, die derselben Tradition zugerechnet werden.
Die Öfen am Kishidake und die Frage nach dem Anfang
Wann in Karatsu zum ersten Mal gebrannt wurde, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Lange galt die Überlieferung, die Ware sei erst infolge der Korea-Feldzüge Toyotomi Hideyoshis (1592–1598) entstanden, als koreanische Töpfer nach Kyūshū kamen. Die neuere japanische Forschung datiert die Anfänge meist etwas früher, auf die 1580er-Jahre, und verortet sie im Herrschaftsgebiet des Hata-Klans rund um die Bergfeste Kishidake im Norden der heutigen Stadt. Als Argument dafür gilt unter anderem eine Teeschale vom Typ Okugōrai, die dem 1591 gestorbenen Teemeister Sen no Rikyū zugeschrieben wird und damit vor den Feldzügen entstanden sein müsste. Die Ofenstellen am Kishidake sind archäologisch untersucht und stehen heute unter Denkmalschutz; sie gelten als Ausgangspunkt der gesamten Karatsu-Tradition. Sicher ist: Als der Hata-Klan gegen Ende des 16. Jahrhunderts entmachtet wurde, zerstreuten sich seine Töpfer über die Region – und die Produktion wuchs dadurch eher, als dass sie versiegte. Die frühesten Karatsu-Stücke im Metropolitan Museum of Art sind entsprechend auf das späte 16. bis frühe 17. Jahrhundert datiert und als Steinzeug mit Aschen- und Eisenglasur verzeichnet.
Koreanische Technik: Kammerofen, Tretscheibe, Klopfverfahren
Was Karatsu-yaki technisch von der älteren japanischen Keramik unterschied, kam von der koreanischen Halbinsel. Das wichtigste Mitbringsel war der Noborigama, der an einen Hang gebaute Kammerofen, in dem die Hitze von Kammer zu Kammer weiterwandert und sehr viele Stücke auf einmal auf hohe Temperatur gebracht werden können. Die frühesten Anlagen am Kishidake sind vom Typ Waridake-shiki, einer Bauform mit gespaltenem, bambusähnlichem Kanal; sie zählen zu den ältesten erhaltenen Öfen dieser Art in Japan. Dazu kamen das Kerokuro, eine mit dem Fuß angetriebene Töpferscheibe, und das Tataki, ein Klopfverfahren, bei dem aufgebaute Tonwülste mit einem Holzbrett verdichtet und in Form geschlagen werden. Der Ton wird dabei fester, Gefäße verziehen sich im Brand weniger – und die Wandung behält eine leicht unruhige, handgemachte Oberfläche.
Der Ton, den man sehen und fühlen soll
Karatsu-yaki gehört zu den Tsuchimono, den „Erdsachen“ – Keramik, bei der das Material selbst zum Motiv wird. Der lokale Ton ist grob, sandig und reich an Eisen; er brennt zu Grau, Rotbraun und tiefem Schwarzbraun aus und schimmert dort, wo die Glasur dünn aufliegt, warm hindurch. Am Kōdai, dem unglasierten Fußring, lässt sich das am besten beobachten: Dort zeigt sich der nackte Scherben mit seinen Quarzeinschlüssen, oft mit Brennspuren vom Standort im Ofen. Ein Karatsu-Gefäß fühlt sich deshalb anders an als glattes Geschirr – körnig, ein wenig rau, mit spürbarem Gewicht. Wer Karatsu Keramik kaufen möchte, sollte ein Stück deshalb zuerst in die Hand nehmen: Der Eindruck entsteht über den Tastsinn mindestens ebenso stark wie über das Auge.
E-Garatsu: Zeichnung unter der Ascheglasur
Die bekannteste Spielart der Ware ist E-Garatsu, „bemaltes Karatsu“. Auf den lederharten oder rohgebrannten Scherben wird mit Oniita, einer eisenhaltigen Malflüssigkeit, ein Motiv gesetzt: Gräser, Schilf, Blüten, gelegentlich Vögel oder ganz abstrakte Striche. Darüber kommt eine halbtransparente, gräulich brechende Ascheglasur, unter der die Zeichnung nach dem Brand bräunlich bis schwarz hindurchscheint. Der Pinselstrich ist dabei meist auffallend knapp – wenige Züge, oft leicht verlaufen, nie ganz mittig gesetzt. Diese Sparsamkeit ist kein Zufall: Die Motive entstanden ursprünglich am Fließband, für Gebrauchsgeschirr, das schnell dekoriert werden musste. Was als ökonomische Notwendigkeit begann, lasen die Teemeister als kalligrafische Beiläufigkeit – und genau darin liegt bis heute der Reiz des E-Garatsu. Weil der Ton unter der dünnen Glasur mitspricht, wirkt dieselbe Zeichnung auf einem hellen und einem dunklen Scherben völlig verschieden. Wie ein solches Stück aussieht, zeigt der Ōzara-Teller mit Kiefernmotiv im Metropolitan Museum of Art, dort als Hizen-Ware vom Karatsu-Typ mit eisenoxidhaltiger Unterglasurmalerei geführt.
Chōsen-Garatsu: zwei Glasuren, die ineinanderlaufen
Chōsen-Garatsu, „koreanisches Karatsu“, ist die dramatischste Variante der Tradition. Hier werden zwei sehr unterschiedliche Glasuren kombiniert: eine dunkle, stark eisenhaltige Glasur und eine milchig-weiße Strohascheglasur, gewonnen aus der Asche verbrannten Reisstrohs. Üblicherweise trägt der Töpfer die weiße Glasur unten und die dunkle oben auf, sodass sie im Feuer aufeinandertreffen, ineinanderlaufen und sich stellenweise zu bläulichen und ockerfarbenen Schlieren mischen. Wo die schwere Glasur an der Wandung herabläuft, bilden sich Tropfen, die kurz vor dem Abreißen erstarren. Weil dieser Vorgang im geschlossenen Ofen abläuft und von Temperatur, Standort und Glasurstärke abhängt, lässt sich das Ergebnis nur ungefähr steuern. Zwei Stücke aus demselben Brand sehen deshalb nie gleich aus – ein Grund, warum Chōsen-Garatsu besonders häufig für Tokkuri (Sakeflaschen) und Teegefäße verwendet wird.
Madara-Garatsu, Kuro-Garatsu und die stilleren Verwandten
Madara-Garatsu, „geflecktes Karatsu“, entsteht aus einer Mischung von Feldspat und Strohasche. Die milchig-weiße Oberfläche bleibt dabei nicht rein: Eisen aus dem Ton und Flugasche des Kiefernholzes lassen blaue, graue und schwärzliche Sprenkel entstehen, die der Variante ihren Namen geben. Sie wird seit dem späten 16. Jahrhundert ununterbrochen hergestellt. Kuro-Garatsu, „schwarzes Karatsu“, arbeitet dagegen mit einer stark eisenhaltigen Glasur, die je nach Brandführung von warmem Bernsteinbraun bis zu tiefem, mattem Schwarz reicht. Daneben stehen die ruhigeren Verwandten: Mishima-Garatsu mit eingestempelten und weiß eingelegten Mustern nach koreanischem Vorbild, Kohiki-Garatsu mit einem weißen Engobeüberzug auf dunklem Scherben und Okugōrai, schlichte Teeschalen in der Formensprache koreanischer Alltagsgefäße. Zusammen ergeben sie ein Spektrum, das von fast monochromer Strenge bis zu heftiger Bewegung reicht.
Ichi Raku, ni Hagi, san Karatsu
Unter Teeleuten kursiert seit langem eine Rangfolge, die sich in Japan als Merksatz eingebürgert hat: „Ichi Raku, ni Hagi, san Karatsu“ – erst Raku, dann Hagi, dann Karatsu. Gemeint sind die drei Traditionen, deren Chawan (Teeschalen) in der Teezeremonie am höchsten geschätzt werden. Dass eine ursprünglich bäuerliche Gebrauchsware es überhaupt auf diese Liste schaffte, sagt viel über den Geschmack der Momoyama-Zeit: Nicht makellose Symmetrie war gefragt, sondern ein Gefäß, das seine Herkunft aus Erde und Feuer nicht verbirgt. In Karatsu gibt es dazu eine eigene Redewendung – der Hersteller trage acht Zehntel bei, der Benutzer zwei. Erst der Gebrauch vollende ein Stück. Tee und Sake ziehen über die Jahre in den offenporigen Scherben ein und verändern seinen Ton allmählich; eine täglich benutzte Schale sieht nach Jahren spürbar anders aus als am ersten Tag.
Vom Niedergang zur Wiederbelebung im 20. Jahrhundert
Der Aufstieg des Porzellans wurde für Karatsu-yaki zum Problem. Ab 1616 wurde im benachbarten Arita Porzellan hergestellt, und viele Töpfer wanderten in die neuen, lukrativeren Betriebe ab. 1637 ordnete das Saga-Lehen eine Bereinigung der Ofenlandschaft an, bei der zahlreiche Brennstätten geschlossen und Töpfer ausgewiesen wurden; nur wenige Öfen überlebten, weil man sie für Teegeschirr weiterbetrieb. Nach dem Ende des Feudalsystems in der Meiji-Zeit ging die Produktion weiter zurück. Die entscheidende Wende brachte Nakazato Muan (1895–1985), der als zwölfter Träger des Namens Nakazato Tarōemon die alten Ofenstellen untersuchte, Scherben auswertete und die verschütteten Techniken – darunter das Tataki-Klopfverfahren sowie Madara-, Chōsen- und E-Garatsu – wieder verfügbar machte. 1976 wurde er dafür als Ningen Kokuhō, als „Lebender Nationalschatz“, anerkannt. Wer heute Karatsu-Yaki kaufen möchte, greift daher auf eine lebendige Werkstattlandschaft zurück: Allein im Stadtgebiet von Karatsu arbeiten rund siebzig Betriebe.
Ein Gefäß, das erst im Gebrauch fertig wird
Eine Karatsu-Sakeschale ist kein Ausstellungsstück. Sie liegt schwer und körnig in der Hand, der Fußring kratzt leicht über den Tisch, und der Rand ist nie ganz rund. Füllt man sie, verschieben sich die Farben: Was trocken grau wirkt, wird feucht zu warmem Braun, und die Sprenkel in der Glasur treten deutlicher hervor. Genau darauf ist diese Keramik angelegt – auf Benutzung, auf Wiederholung, auf die langsame Veränderung über Jahre. Bei densho.de finden Sie handgefertigte japanische Keramik-Unikate, die diese Haltung weitertragen, jedes Stück einzeln aus Japan bezogen. Wer eine japanische Sakeschale kaufen möchte, die nicht perfekt aussehen will, sondern mit jedem Abend ein Stück mehr zu sich selbst findet, ist bei den erdigen Gefäßen aus Kyūshū und ihren Verwandten aus Bizen, Shigaraki und Tamba genau richtig.
Quellen und Literatur
The Metropolitan Museum of Art: Sake Cup (Guinomi), Acc.-Nr. 1975.268.447, metmuseum.org.
The Metropolitan Museum of Art: Small Jar (Kotsubo), Acc.-Nr. 29.100.632, metmuseum.org.
The Metropolitan Museum of Art: Platter (Ōzara) with Pine Tree, Acc.-Nr. 2015.300.266, metmuseum.org.
Richard L. Wilson: Inside Japanese Ceramics. A Primer of Materials, Techniques, and Traditions. Weatherhill, New York 1995.