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Blog

Das Jahr an der Wand: unsere Rollbilder von der Pflaume bis zum Schnee

Pflaumenzweige im Februar, Wasserfälle im Juli, Krähen über dem Schnee: ein persönlicher Gang durch unsere Rollbilder, Monat für Monat.
Ausschnitt einer Kakemono-Malerei auf Seide mit weißen Chrysanthemenblüten, graugrünen Blättern und roten Beeren

Wenn ich in Japan ein Rollbild aussuche, denke ich selten zuerst an den Künstler. Ich denke daran, wann es hängen wird. Ein Kakemono, ein japanisches Rollbild, ist kein Möbelstück, das man einmal anbringt und dann vergisst – es kommt für ein paar Wochen aus seiner Kiribako, der Kiste aus Paulownienholz, und verschwindet danach wieder darin. Deshalb liegt unser Bestand hier eigentlich nicht als Katalog, sondern als Kalender. Ich gehe ihn einmal durch, von den ersten Pflaumenzweigen bis zu den Krähen über dem Schnee, und erzähle, was in den einzelnen Monaten überhaupt zusammenkommt und was diese Blätter voneinander unterscheidet.

Der Frühling beginnt mit der Pflaume, nicht mit der Kirsche

Wer zum ersten Mal in dieser Reihenfolge sucht, wundert sich: Der Frühling fängt in der japanischen Malerei mit Ume an, der Pflaumenblüte, und die blüht, während draußen noch Schnee liegen kann. Es ist die größte Frühlingsgruppe in unserem Bestand, und sie sieht durchweg verwandt aus – dunkle, fast kalligrafisch gesetzte Äste, darauf runde geschlossene Knospen und geöffnete Blüten in Weiß oder sattem Rosa, davor ein heller, oft nahezu leerer Bildgrund. Häufig sitzt ein kleiner grüner Vogel im unteren Bilddrittel: der Uguisu, der japanische Buschsänger. Pflaume und Uguisu sind eines der ältesten Motivpaare Ostasiens, und das Blatt „Uguisu auf blühendem Pflaumenbaum“ zeigt die Kombination in ihrer klassischen Form. Solche Bilder hängt man früh: Februar, spätestens Anfang März.

Kirschblüte, Weidenzweige und die ersten Singvögel

Die Sakura-Blätter, die Kirschblüten, sind bei uns seltener als die Pflaumen, und sie wirken anders. Die Blüten sind meist naturalistisch ausgeführt, fein in Weiß und Blassrosa gestuft, während der Ast selbst mit einem einzigen breiten Tuschezug steht. Dieser Kontrast zwischen zart und grob macht den Reiz der ganzen Gruppe aus. Dazu kommen die Nebenmotive des Frühlings, die man leicht übersieht: hängende Weidenzweige, Glyzinientrauben, Spatzen und Singvögel auf blühendem Geäst. Diese Blätter sind häufiger auf Papier gemalt als auf Seide, ihre Montierungen fallen schlichter aus, oft in hellem Blau oder Beige. Es sind die unaufgeregtesten Bilder des ganzen Jahres – und in einem hellen Raum im April genau richtig.

Der Sommer ist bei uns vor allem Wasser

Kaum ein Motiv ist in unserem Rollbild-Bestand so oft vertreten wie der Wasserfall. Das hat einen naheliegenden Grund: Das hochformatige Kakemono ist für einen fallenden Strang Wasser wie gemacht, und in einem schwülen japanischen Sommer war ein solches Bild im Tokonoma, der Bildnische, das, was man heute eine Kühlung nennen würde. Die Bandbreite ist groß – von fast monochromen Tuschefällen, bei denen das Wasser schlicht die ungemalte Fläche zwischen zwei Felsflanken ist, bis zu breit angelegten, schäumenden Kaskaden mit goldbraunem Fels und moosigem Grün. Dazu gehören die Flusslandschaften mit Booten und Wassermühlen, die Karpfen, die gegen die Strömung stehen, und die Reiher am Ufer. Iris und Libellen, die in japanischen Sommerlisten immer auftauchen, kommen dagegen seltener herein – ein Irisbild oder eine Libelle auf einer Teeschale findet sich aber immer wieder.

Pfingstrosen, Hortensien und was im Gras sitzt

Neben dem Wasser steht die zweite Sommergruppe: die großen Blüten. Pfingstrosen auf Felsen, blaugrüne Hortensien mit zwei gelben Vögeln darin, Hibiskus – und die kleinen Tiere, die dazugehören: Bienen im Anflug, ein Grashüpfer, ein Helmkäfer im hohen Gras. Fast alle diese Blätter sind auf Seide gemalt, und das sieht man. Die Farben liegen weicher auf, die Übergänge verlaufen ineinander, und das Gewebe schimmert durch die dünnen Schichten hindurch. Es sind die farbigsten Bilder vor dem Herbst und zugleich die zugänglichsten überhaupt. Wer bei uns zum ersten Mal ein Kakemono kaufen möchte, bleibt erfahrungsgemäß vor genau diesen Blättern am längsten stehen – lange bevor die Tuschelandschaften interessant werden.

Der Herbst ist die farbigste Ecke unseres Bestands

Im Herbst dreht sich die Palette. Ahornblätter treiben in Rot und Grün auf dunklem Wasser, Chrysanthemen öffnen sich in dickem Weiß zwischen blaugrauen Blättern, an dünnen Zweigen sitzen rote Beeren, dazwischen stehen Herbstgräser, Buschklee und verblühende Nelken. Kachō-ga, die Blumen-und-Vogel-Malerei, zeigt hier ihre stärkste Seite: viel Detail, kräftige Deckfarben, oft ein Gedicht in der oberen Bildhälfte und zwei rote Siegel daneben. Zum Herbst gehören auch die Tiere, die man sonst kaum auf Rollbildern findet – ein Wildschwein unter kahlen Zweigen, ein Eichhörnchen im Weinlaub, eine einzelne Krähe im herbstlichen Geäst. Diese Blätter vertragen kräftiges Licht und dunkle Wände besser als alle anderen im Jahreslauf.

Und dann kommt der Mond dazu

Ab dem Spätherbst taucht auf auffällig vielen Blättern eine blasse Scheibe auf. Der Mond wird in der japanischen Malerei oft nicht gemalt, sondern ausgespart: eine kreisrunde Fläche, um die herum der Himmel in verdünnter Tusche angelegt ist. Die Bilder dieser Gruppe sind stiller und kühler als die Herbstblüten, ihre Farbigkeit reduziert sich auf gedämpfte Grau- und Blautöne. Ein Hirsch auf einem Felsen, der den Kopf hebt. Wildgänse, die über eine Bucht ziehen. Fischerhütten am Wasser, deren Dächer sich kaum vom Nebel abheben. Auch ein Teil der Kalligrafien gehört hierher, weil ihre Zeilen vom Mond über der Bucht oder von der Brise im Mondlicht sprechen. Es ist die melancholischste Ecke des Jahres, und für viele die schönste.

Im Winter wird die Palette schmal

Winterbilder kommen mit sehr wenig aus. Der Schnee ist meist nichts anderes als unbemaltes Papier – die Landschaft entsteht dadurch, dass ringsum etwas steht: ein Dachfirst, ein Brückengeländer, eine Bergkontur in verlaufender Tusche. Auf den Reispapierblättern mit Krähen sind die Vögel nur ein paar Dutzend schwarze Haken über einem leeren Himmel, und trotzdem sieht man den Schwarm ziehen. Daneben steht die Kiefer, das häufigste Wintermotiv überhaupt, oft gemeinsam mit Bambus und Pflaumenzweig. Diese Dreierkombination heißt Shōchikubai und steht für Beständigkeit, Biegsamkeit und Erneuerung; unser Blatt „Drei Freunde des Winters“ bringt sie in einer einzigen Komposition zusammen. Es ist eines der wenigen Bilder, die von Dezember bis Februar durchhängen können, ohne dass man sie leid wird.

Zum Neujahr die großen Zeichen

Um den Jahreswechsel gilt eine eigene Logik: Jetzt hängt nicht das, was draußen wächst, sondern das, was man sich wünscht. Kraniche stehen für ein langes Leben, der Fuji für Beständigkeit, Daruma für das Aufstehen nach dem Fall. Alle drei Gruppen sind bei uns gut vertreten, und sie unterscheiden sich deutlich vom Rest des Jahres. Die Kraniche und die Fuji-Ansichten sind häufig auf Seide gemalt, betont ruhig und symmetrisch aufgebaut und in aufwendigere Brokatmontierungen gefasst, teils mit Goldmuster. Die Daruma-Blätter dagegen sind das genaue Gegenteil: schwarze Tusche auf Papier, das Gesicht in wenigen sehr schnellen Zügen, dazu manchmal eine Zeile Text. Wer beides nebeneinander sieht, versteht, wie weit die Spannweite dieses Formats reicht.

Die Bilder, die zu keiner Jahreszeit gehören

Ein guter Teil unseres Bestands trägt gar kein Datum im Motiv. Dazu zählen die Zen-Kalligrafien, deren Zeilen einen Gedanken festhalten statt einer Blüte; das Ensō, der mit einem einzigen Zug gemalte Kreis, der meist ein wenig offen bleibt; und die Tuschelandschaften, deren Berge und Nebelbänke sich keinem Monat zuordnen lassen. Diese Blätter sind das Gegenstück zum Kalender – sie hängen, solange man möchte. „Kissako – Genieße deinen Tee“ ist so ein Fall: eine mit wenigen Strichen hingesetzte Teeschale und daneben die alte Zen-Wendung, die nichts weiter sagt, als dass man jetzt seinen Tee trinken soll. Solche Bilder tragen einen Raum auch dann, wenn ringsum monatelang nichts wechselt.

Zwei oder drei genügen für ein ganzes Jahr

Der Gedanke, für zwölf Monate zwölf Bilder zu brauchen, hält sich hartnäckig, und er stimmt nicht. In japanischen Haushalten hängt über Jahre dasselbe kleine Set, und die Wirkung entsteht nicht durch Vielfalt, sondern durch den Wechsel an sich. Drei Blätter reichen völlig: eines, das blüht, eines mit Wasser oder Landschaft, eines mit Schrift. Man tauscht sie zwei- bis dreimal im Jahr, und plötzlich fällt einem der Raum wieder auf, den man seit Monaten nicht mehr angeschaut hat. Wer mit zweien anfängt, merkt den Unterschied schon im ersten Jahr. Und die Kiste, in der das gerade nicht hängende Bild liegt, braucht ungefähr so viel Platz wie ein Regalbrett.

Jedes dieser Blätter gibt es genau einmal

Hier wird der Rundgang unbequem: Fast alles, was ich gerade beschrieben habe, ist ein handgemaltes Unikat, einzeln in Japan ausgesucht und nicht nachbestellbar. Die Datierungen reichen von der Edo-Zeit bis in die Shōwa-Zeit, die Maler sind teils namentlich bekannt, teils nur über ein rotes Siegel greifbar. Von dem, was wir in den vergangenen Jahren mitgebracht haben, ist der größere Teil längst verkauft, und keines dieser Bilder kommt ein zweites Mal. Wer bei densho.de ein japanisches Rollbild kaufen möchte, sucht deshalb nicht aus einem Sortiment, sondern aus lauter Einzelfällen. Schauen Sie in Ruhe durch, welche Jahreszeit an Ihrer Wand gerade fehlt – und nehmen Sie das Blatt, vor dem Sie stehen bleiben. Ein zweites steht nicht daneben.